Weltreise mit 60 – 37 Jahre später erneut um die Welt

„Der Abenteurer, der die Welt durchfuhr“ – ein zweites Mal

Text und Fotos: Shigeru Yoshida

Inhaltsverzeichnis

Serienteil 1: Die unvollendete Reise – In die Sowjetunion (Russland)

(Sonderheft Motormagazin, Januar 2004)

Im Juli 1965 aufgebrochen, besuchte er 63 Länder und legte insgesamt 135.230 km zurück – eine Weltreise mit dem Motorrad, die zwei Jahre und acht Monate dauerte. Im Jahr von Yoshidas Universitätsabschluss brach er auf einer Yamaha YDS-III zu einer Weltreise auf, die auch in unserem damaligen Verlag im Buch „Der Abenteurer, der die Welt durchfuhr“ veröffentlicht wurde und großes Aufsehen erregte. 37 Jahre später, nachdem Yoshida seinen beruflichen Weg gegangen war, brach er im Juni 2002, kurz nach Erreichen der Altersgrenze, wie besessen zu einer erneuten Weltreise auf.

Shigeru Yoshida, geboren im Januar 1942, aus Tokio, 61 Jahre alt.

1965 absolvierte er die Musashi University of Technology, verließ Japan im Juli desselben Jahres auf einer YDS-III zu einer Weltreise. Nach seiner Rückkehr trat er bei Yamaha Motor ein und war an der Entwicklung des Yamaha 7 und großer Motorräder beteiligt. Später arbeitete er bei Yamaha Motor USA, war Leiter des Service Information Office und erster Direktor des Yamaha Communication Plaza. Anlässlich seiner Pensionierung mit 60 Jahren im Jahr 2002 vollbrachte er die 37 Jahre zuvor unerreichbare Durchquerung der ehemaligen Sowjetunion – eine 10.000 km lange Durchquerung Russlands über Sibirien – und führte danach eine zweite Weltreise mit dem Motorrad durch, indem er Europa und Nordamerika durchquerte. Er lebt derzeit in Hamamatsu in der Präfektur Shizuoka. Mit seiner Frau allein lebend (die beiden erwachsenen Söhne sind unabhängig). Er arbeitet an seinem Lebenswerk „Yoshida Motorcycle Research“ unter dem Motto „Motorräder retten den Planeten“. „Meine erste Begegnung mit Motorrädern liegt in der Nachkriegszeit zurück, vor 50 Jahren, als es sogar an Nahrung mangelte. Ich erinnere mich noch genau in diesem Moment, wie ein cooles Motorrad vor mir vorbeifuhr. Als Kind schwor ich mir damals, eines Tages selbst Motorrad fahren zu wollen – das war meine erste Begegnung mit Motorrädern.“

Ein zweiter Versuch 37 Jahre später

 Am 19. Juni 2002 verließ ich auf meiner geliebten Royal Star mein Zuhause am Ufer des Hamana-Sees in Richtung Russland-Durchquerung. Der frühe Sommer am Hamana-See war mit klarem Himmel gesegnet, und die Seefläche, die den blauen Himmel und das frische Grün widerspiegelte, war wunderbar harmonisch. Ich würde mich bald von dieser vertrauten Landschaft verabschieden. Nach der Russland-Durchquerung sollte ich Europa und Nordamerika bereisen und meine Weltreise in westlicher Richtung vollenden. Für mich, der ich im Januar desselben Jahres nach 34 Jahren Tätigkeit bei Yamaha Motor in den Ruhestand ging, war dies die zweite Weltreise mit dem Motorrad nach 37 Jahren. Mit klopfendem Herzen erwartete ich die endlich verwirklichte Durchquerung des eurasischen Kontinents über Russland, doch während ich das Lenker der Royal Star mit einer frischen Brise hielt, trug ich auch eine vage Besorgnis mit mir – würde ich in meinem Alter die gesamte Strecke sicher fahren können?

 Die erste Weltreise geht zurück in das Jahr Juli 1965. Mit 23 Jahren verließ ich Japan auf einer 250er Yamaha YDS-III, fuhr durch Nordamerika, Mittel- und Südamerika und Europa, und am 10. August 1967 steuerte ich mein Motorrad zur Grenze, um von Finnland aus in die Sowjetunion einzureisen. Es waren bereits zwei Jahre seit meiner Abreise aus Japan vergangen. Ich plante, die Sowjetunion – die andere Großmacht des Kalten Krieges – bis nach Moskau zu durchfahren und von dort aus andere Länder des kommunistischen Ostblocks wie Polen zu bereisen.

 Damals hielten Amerika und die Sowjetunion ein gefährliches Gleichgewicht, während beide enormes Atomwaffenarsenal besaßen. Die Sowjetunion war von einem eisernen Vorhang bedeckt, und es war schwierig, einen Blick auf das alltägliche Leben der Bürger zu werfen. Daher versuchte ich, mit dem Motorrad in die Sowjetunion einzureisen, um das alltägliche Leben der Menschen mit eigenen Augen zu sehen. Doch das sowjetische Konsulat in Helsinki lehnte meine Einreise mit dem Motorrad einfach ohne Erklärung ab. Ich war bis zur finnisch-sowjetischen Grenze gefahren, aber als ich sowjetisches Gebiet vor mir sah, musste ich meine Tränen schlucken. Glücklicherweise gaben mir die damaligen Länder des Ostblocks wie Polen Durchgangsvisa, die Aufenthalte von bis zu 72 Stunden erlaubten. Ich suchte nach einem Kohlenschiff von Helsinki nach Polen und bestieg es mit meinem Motorrad.

 In Danzig an Land gehend, begann meine Reise durch den Ostblock. Von Polen aus fuhr ich durch die damalige DDR, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien nach Istanbul in der Türkei. Von dort aus fuhr ich entlang des Mittelmeers nach Algeciras in Spanien, überquerte die Straße von Gibraltar nach Marokko, durchquerte Afrika, den Nahen Osten, Westasien, Südostasien und Australien und kehrte im Februar 1968 nach Japan zurück. Die Distanz, die ich mit dem Motorrad zurücklegte, betrug etwa 136.000 km, und in zweieinhalb Jahren war ich etwa dreieinhalb Mal um die Erde gefahren. Ich besuchte 63 Länder, aber die Sowjetunion war nicht darunter. Es war wie das Gefühl, etwas Wichtiges unvollendet zu haben. Ich war sicher, dass eines Tages die Gelegenheit kommen würde, mit dem Motorrad Russland zu bereisen. Es war unbekannt, wann, aber wenn sich die Chance bot, wollte ich unbedingt die Grenze zwischen Finnland und der Sowjetunion überqueren.

Die bei dieser Reise verwendete Yamaha Royal Star (wassergekühlte Vierzylinder, 1.300 ccm) und meine Frau, die mich freundlich verabschiedete. Meine Frau war besorgt über die Sicherheit vor Ort und meine körperliche Leistungsfähigkeit und versuchte, mich irgendwie zu überreden, abzusagen, aber am Ende verabschiedete sie mich freundlich.

Das erste Hindernis: Das russische Einreisevisum

 Nach Erreichen der Altersgrenze suchte ich schnell etwa vier Reiseagenturen auf, die sich auf Russlandreisen spezialisieren. Jede Agentur sagte mir, dass ich für die Einreise nach Russland entweder einer Tour beitreten oder einen Reisplan erstellen müsse, um Flüge, Eisenbahn und Hotel zu reservieren und Gutscheine zu kaufen – ohne dies könne ich kein Visum beantragen. Mit dem Motorrad allein durch Sibirien zu fahren sei äußerst gefährlich, hieß es brüsk. Falls ich dennoch gehen wollte, müsse ich einen russischen Reiseführer mitnehmen und mich von einem Auto anführen lassen. Mir wurde gesagt, dass ich alle Kosten im Voraus bezahlen müsse – die tägliche Gebühr des Reiseleiters, Unterkunft, Verpflegung, Reiseleiterhonorare, Autokosten und sogar die Kosten für die Rückfahrt des Reiseleiters und des Autos zum Ausgangspunkt. Selbst dann sei nicht klar, ob das Visum genehmigt würde, aber man könne es versuchen, hieß es. Ich hatte keine Absicht, so viel Geld auszugeben und unter Beobachtung zu reisen. Als ich nach Hause kam und meiner Frau von den Reiseagenturen erzählte, sagte sie
„Warum machst du dieses Jahr nicht eine Erkundungsfahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn?“
Sie sagte es ganz leichtherzig. Es war offensichtlich ihre Absicht, dass ich mit der Zeit die Idee aufgeben würde, mit dem Motorrad zu fahren.

 Während meiner letzten fünf Jahre bei Yamaha Motor war ich an der Gründung und dem Betrieb des Yamaha Communication Plaza beteiligt. Ich lernte viele Menschen kennen, die das Plaza besuchten, sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland. Unter den Motorradreisenden, die von weit her kamen, waren auch einige Paare. Ich erinnerte mich an ein niederländisches Ehepaar, Rob und Daphne, die auf einem Beiwagenmotorrad über Russland nach Europa zurückfuhren. Ich sandte ihnen, die bereits nach Hause zurückgekehrt waren, eine E-Mail und fragte sie, wie sie ein Visum für die Einreise nach Russland erhalten hatten.

 Ich erhielt schnell eine Antwort von ihnen. Sie sagten, dass sie ein Einladungsschreiben von einer russischen Organisation erhielten, die sich als Bürge verpflichtete, und auf der Grundlage davon ein Visum erhielten. Sie teilten mir auch den Namen der russischen Organisation mit, die ihre Identität bestätigt hatte. Ich rief sofort die Organisation in Russland an, und eine Person, die wie ein russischer Mitarbeiter klang, antwortete mit leicht akzentiertem Englisch präzise auf meine Fragen. Auf meinen Wunsch, Russland mit dem Motorrad zu durchqueren, erstellte er eine Liste der erforderlichen Informationen, um das Einladungsschreiben auszustellen, und schickte mir schnell ein Fax. Ich sandte sofort die erforderlichen Informationen zurück per Fax.

 Nach etwa zwei Wochen kam das Einladungsschreiben per Fax an. Außerdem sagte man mir, dass ich die Kosten später bezahlen könnte. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mit diesem Einladungsschreiben wirklich ein Visum bekommen würde, aber ich fuhr sofort zum Russischen Konsulat in Tokio und reichte das Schreiben zusammen mit meinem Visumantrag ein.

 Eine Woche später, am 10. April, stellte ich mich eine halbe Stunde vor der Öffnung des Konsulats vor das Tor und trat pünktlich um 10 Uhr mit den ersten Besuchern zum Schalter. Der zuständige russische Mann gab mir wortlos meinen Pass zurück. Als ich ihn aufschlug, traute ich meinen Augen nicht: Ich hatte ein dreimonatiges Visum von Juni bis September. Freude und Erleichterung durchströmten meinen ganzen Körper auf einmal. Ich hatte die erste Hürde zur Einreise nach Russland überwunden. Ich schrieb schnell einem Dankesbrief an das niederländische Ehepaar, das mir geraten hatte.

Die verschiedenen Dokumente, die ich für diese Reise brauchte. Links ist die internationale Registrierungsbescheinigung der Royal Star, die mit dem Nummernschild verbunden ist. Rechts sind das Visum und die Ein- und Ausreisekarte, die vom Russischen Konsulat ausgestellt wurden.

Boarding eines russischen Schiffes im Hafen von Fushiki

 Am 19. Juni hielt ich bei der Zentrale von Yamaha Motor in Iwata, im Communication Plaza, an und wurde von Vorsitzenden Hasegawa und vielen anderen Menschen verabschiedet. Bei schönem Wetter fuhr ich die etwa 400 km zügig bis zum Hafen von Fushiki in Toyama und kam um 18 Uhr an, an der Basis der Noto-Halbinsel.

Vor dem Haupteingang des Yamaha Communication Plaza wurde ich von Vorsitzendem Hasegawa (jetzt Berater) und vielen Kollegen, Freunden und Bekannten aus dem In- und Ausland feierlich verabschiedet.

 Am 21. Juni um 14 Uhr sollte ich an Bord des russischen Schiffes gehen. Mein jüngster Sohn Atsushi kam von Tokio, um mich im Namen der Familie zu verabschieden, und wir trafen uns vor dem Bahnhof in Takaoka und fuhren zum Hafen von Fushiki. Im Hafen lag ein überraschend großes Schiff mit weißem Rumpf, an dem viele Russen waren und das mit gebrauchten Autos und Motorrädern, die nach Russland transportiert werden sollten, sehr voll war.

 Das russische Schiff, auf dem ich fuhr, die Luceya war ein großes Fracht- und Passagierschiff von 13.000 Tonnen, das ständig zwischen Japan und Russland pendelt und mit japanischen Gebrauchtautos und Motorrädern beladen ist. Eine große Luke auf der linken Vorderseite des Schiffes war geöffnet, und man konnte Autos und Motorräder direkt vom Kai in den Laderaum fahren. Der Laderaum hatte zwei Ebenen, und die Motorräder wurden in die Lücken zwischen den Autos gestellt. Wenn der Laderaum voll war, wurden Autos mit Kränen gehievt und überall auf dem Deck Gebrauchtautos und Motorräder gestapelt.

 Im Hafen von Fushiki waren überall Aluminiumbarren gestapelt, die aus Russland nach Japan transportiert worden waren. Wie ich später erfuhr, waren diese Russen Gebrauchtwagen-Käufer und Fahrer. Etwa 180 Menschen, so viele wie Autos, gingen an Bord. Ich war der einzige Japaner; außerdem waren zwei Briten an Bord, die zum Jubeln der Fußball-Weltmeisterschaft nach Europa zurückkehren wollten, und drei europäische Motorradreisende. Das Schweizer Ehepaar Martin und Barbara fuhren beide auf einer Honda Africa Twin, und die deutsche Frau Angela fuhr auf einer Honda Dominator. Die drei waren sich in Neuseeland begegnet und waren dann drei Wochen zusammen durch Japan gereist, bevor sie hierher kamen. Alle drei waren Anfang 30 und reisten seit mehr als zwei Jahren per Motorrad durchs Land. Während ich ihnen mit leuchtenden Augen zuhörte, sah ich mich selbst von vor 37 Jahren in ihnen. Die Luceya verließ den Kai um 18 Uhr wie geplant. In 36 Stunden würde ich, nachdem ich die See von Japan überquert hatte, in Russland landen.

 An Bord gab es ein schönes Restaurant, in dem junge Kellnerinnen in Miniröcken mir Gericht für Gericht servierten – ich war sehr komfortabel untergebracht. Das Essen war in der Schiffspassage (50.540 Yen einschließlich des Motorrades) enthalten. Die Fahrt über die See von Japan war ziemlich stürmisch, also hatte ich nicht viel Appetit und aß nur das, was mir schmeckte – es war reichlich. Das Schiffsinnere war ein Einzelzimmer mit Toilette und Dusche, und im Freizeitbereich wurde die Fußball-Weltmeisterschaft im Fernsehen übertragen, und viele Russen waren fasziniert vom Spiel. Die See von Japan, die ich von der Luceya aus sah, war grau verhangen, und der Wind war stark und stürmisch.

Landung im Hafen von Zarubino in der Nähe Nordkoreas

 Am 23. Juni war die Schiffsbewegung viel ruhiger als in der Nacht zuvor. Ich stand um 7 Uhr auf und ging auf Deck. Vor mir sah ich zum ersten Mal den eurasischen Kontinent im Fernen Osten. Unter Wolken, die auch im Sommer grau waren, waren das kalte, tiefblaue Meer und die dunkle grüne Küste des Kontinents rau und streng. Die Temperatur lag um die 15 °C und es war kühl. Da die Einwanderungsbehörde von Wladiwostok wegen Bauarbeiten geschlossen war, wurden alle Passagiere etwa 250 km südwestlich, im nahe der Nordkorea gelegenen Zarubino, an Land gesetzt. Der Hafen war trostlos – nur Eisenbahngleise führten zum Kai, sonst nichts. Nachdem ich Einwanderungsbehörde und Zoll passiert hatte, standen drei alte Busse bereit, und ich stieg sofort ein. Die Royal Star war noch an Bord geblieben und sollte nach Wladiwostok überführt werden, um dort verzollt zu werden.

 Der Bus war so voll, dass es keinen freien Platz auf dem Beifahrersitz gab. Neben mir saß ein Russe aus Nachodka, der Autoteile und Reifen aus Japan importierte und etwa alle drei Monate nach Japan zum Einkaufen fuhr. Er machte sich große Sorgen, dass ich mit dem Motorrad durch Sibirien fahren und nach Europa durchbrechen wollte. Während der fünfeinhalb Stunden langen Busfahrt nach Wladiwostok gab er mir viele Ratschläge für meine Reise in Russland. In Russland darf man Menschen nicht so einfach vertrauen wie in Japan. Polizei und Mafia arbeiten zusammen. Wenn man an der Tankstelle Benzin kauft, im Hotel, im Café oder anderswo Geld ausgibt, muss man immer den Preis auf einem Stück Papier schreiben und bestätigen, und man sollte keine großen Scheine hervornehmen, und vieles mehr. Am Ende sagte er mir sogar mit ernster Miene, dass es sehr gefährlich ist, mit dem Motorrad durch Sibirien zu fahren, und dass ich es lassen sollte.

 Die 250 km lange Straße nach Wladiwostok war etwa zur Hälfte unbefestigt, und auch die befestigten Straßen waren einfache, abgeblätterte Asphaltstraßen. Der Staub wirbelte auf und kam durch die Risse der klapprigen Fenster in den Fahrgastraum. Schon am ersten Tag war ich staubig und meine Kehle war angegriffen. Unterwegs durchquerten wir mehrere Dörfer. Bei jedem bemerkte der Russe neben mir herablassend, dass die Häuser und Landmaschinen alle alt und verfallen aussahen. Tatsächlich lagen überall auf den Höfen alte, rostbraun verfärbte Landmaschinen herum, und es gab nirgends modernere Maschinen, die diese hätten ersetzen können. Russland hat jahrelang in Produktionsanlagen unterinvestiert, und das Ergebnis ist, dass viele Produktionsanlagen an das Ende ihrer Lebensdauer kommen und stark veraltet sind, was zu einer drastisch gesunkenen Produktionseffizienz führt. Dies ist ein großes Problem, und wie schnell Russland es lösen kann, wird entscheidend für die zukünftige Entwicklung des Landes sein.

Iron Tiger

 Um 17 Uhr kamen wir in Wladiwostok an. Fast genau zu der Zeit, als unser Bus im Hafen ankam, fuhr die Luceya in den Hafen ein. Es wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, auf der Luceya zu bleiben, aber die Behörden in Zarubino erlaubten das nicht. Aber die staubige fünfeinhalb Stunden lange Busfahrt war überhaupt keine Last für mich. Ich bekam viele Informationen von dem Russen neben mir, und ich konnte einen Teil des Fernen Ostens Russlands von Zarubino bis Wladiwostok mit eigenen Augen sehen. An diesem Tag stellte sich heraus, dass das Motorrad nicht vom Schiff geladen werden würde. Ich beschloss, zum Hotel Renaissance zu fahren, das ich aus Japan aus für 50 Dollar pro Nacht inklusive Frühstück gebucht hatte.

▲Ein russisches Militärkriegsschiff, das im Hafen von Wladiwostok vor Anker liegt. Von dem Deck der Luceya, die die See von Japan überquert hatte, war es trotz Frühsommers mit Wolkenbedeckung kühl und die strenge Kälte des Winters war zu spüren.

 Das Hotel stand auf einer schwer zu findenden Stelle, nachdem man vom Hafen eine steile Straße hochgegangen war und von der Hauptstraße abgebogen hatte. Das dreistöckige Gebäude wirkte von außen alt, und an der Eingangstür starrte ein finster blickender Mann uns durchdringend an. Ich betrat trotzdem das Hotel und fand die Rezeption vor, wo eine Frau saß. Sie bemerkte mein Eintreten, sagte aber kein Wort und behielt einen ausdruckslosen Gesichtsausdruck. Ich überreichte meine Reservierungsbestätigung und teilte mit, dass ich zwei Nächte gebucht hatte. Darauf hin schaute sie verwirrt drein, studierte längere Zeit die Unterlagen und forderte mich auf, meinen Pass vorzulegen. Sie erklärte, dass Reisende sich bei der Polizei anmelden müssen und der Pass daher an der Rezeption hinterlegt werde. Ich war überrascht von dieser unfreundlichen Behandlung, doch später während meiner Reise stellte ich fest, dass dies in russischen Hotels und Geschäften üblich war. Ich erfuhr, dass es eine Vorschrift gibt, wonach ausländische Reisende sich bei der Polizei in jeder Stadt oder jedem Dorf, wo sie übernachten, anmelden müssen, und dass Hotels diese Anmeldung in ihrem Namen vornehmen. Das Hotelinnere war trotz seines alten Äußeren sauber renoviert worden, und der finster blickende Mann am Eingang war ein Sicherheitsbeamter, den das Hotel angestellt hatte.

 Am nächsten Morgen verließ ich das Hotel, spazierte durch die Stadt und ging die Straße hinunter zum Hafen. Vladivostok liegt auf dem 52. Breitengrad, auf derselben Breite wie Sapporo, und ist die südlichste Großstadt Russlands. Es ist eine saubere Stadt mit viel Grün und vielen Hügeln. Über 90 Prozent der Autos sind japanisch, doch das Stadtbild, die Straßen und die Menschen unterscheiden sich völlig von Japan, weshalb die Autos anfangs nicht wie japanische Fahrzeuge aussahen.

Ein russisches Motorrad, ein Ural, mit einem russischen Mädchen auf dem Rücksitz, gesehen in der Gegend um Vladivostok

 Viele Pendler strömten von der Fähre. Sie alle sahen gehetzt aus. Die morgendliche Stoßzeit ist überall gleich. Nach dem Vorbeifahren am Marinestützpunkt begaben wir uns zu dem Platz, wo die Russki saß, trafen dort die drei Europäer, die an Bord waren, und gingen zur Ladeluke des Schiffs. Um 9:30 Uhr entluden wir das Motorrad vom Schiff und brachten es in das Zollfreilager. Ich dachte, es könnte gleich herausgeholt werden, aber das Schiffsagenturbüro ließ mich drei Stunden warten. Der Zoll befindet sich in der Stadt, und ich musste mehrmals zwischen Hafen und Zollamt hin und her fahren. Nach zwei Tagen Warterei kamen wir endlich am 26. Juni um 10:30 Uhr morgens ins Zollfreilager, bezahlten eine Gebühr von 30 Rubel (etwa 120 Yen) und die Zollabfertigung war nach drei Tagen abgeschlossen.

Nach meiner Ankunft in Russland das Zolldokument, das ich in Vladivostok für die Abfertigung des Motorrads nutzte. Auf der Rückseite gab es einen Bereich zum Eintrag hochpreisiger Gegenstände, in dem ich neben der Royal Star auch eine Videokamera von Sony eintrug

 Etwa 15 Minuten mit dem Motorrad vom Zentrum Vladivostoks entfernt, in einem von einer Betonmauer umgebenen Lager- und Bürogebäude, befand sich in einer Ecke das Clubhaus des Motorradclubs Iron Tiger. Am Eingang stand ein imposanter wirkender Sicherheitsbeamter. Dieser Club ist eine Gruppe, die sich um Motorradfahrer kümmert, die Vladivostok besuchen, und ist unter Motorradfahrern wohl bekannt. Auch ich und die drei Europäer kannten diesen Club, und wir wurden dort zwei Tage lang betreut. Die Mitgliedschaft umfasst etwa 20 Personen. Zusätzlich zu den Clubaktivitäten importiert die Gruppe gebrauchte japanische Motorräder, überarbeitet sie und verkauft sie in ganz Russland.

 Der Clubvorsitzende Mika war 40 Jahre alt und reiste mehrmals pro Jahr nach Japan, um gebrauchte Motorräder zu kaufen. Er empfing mich freundlich und erwähnte, dass er auch mehrmals Hamamatsu besucht hatte. Im Erdgeschoss gab es eine Werkstatt mit 20 bis 30 Motorrädern, die ungeordnet herumstanden und gerade überarbeitet wurden. Das Clubhaus war im zweiten Stock mit einem großen Tisch für Besprechungen, und daneben in einem freien Raum schlief ich. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten schlief ich in einem Schlafsack, aber mein Schlaf war flach und nicht wie damals in meinen Zwanzigern. Bei meiner vorherigen Motorradreise war ich überall fest eingeschlafen.

Mit Mitgliedern des Motorradclubs Iron Tiger in Vladivostok. Ein Schweizer Ehepaar (dritter von links und zweiter von rechts), mit denen ich etwa zehn Tage reiste, und die Deutsche Angela (zweite von links)

Aufbruch zur Durchquerung des eurasischen Kontinents

 Am 27. Juni erhielt ich von Vorsitzender Mika Informationen über die Straßenverhältnisse und die Motorradsituation in Russland und machte ein Erinnerungsfoto mit den Hauptmitgliedern des Iron Tiger. Ein Clubmitglied sagte, ein Gürtel, den mir die russische Armee vor über 60 Jahren verwendet haben soll, passe am besten zur Royal Star, und schenkte ihn mir. Für die Clubmitglieder, die viele verschiedene Motorräder zu sehen bekamen, war die Royal Star das Objekt der Bewunderung. Ich schnallte sofort den erhaltenen Gürtel um, und die Clubmitglieder applaudierten. Später während meiner Reise durch Russland kannte niemand das Design dieser Gürtelschnalle nicht, und sie wurde zu einem wertvollen Material, das mir half, von den Menschen freundlich angenommen zu werden.

 Um 14:30 Uhr brach ich endlich zur Durchquerung des eurasischen Kontinents auf. Bis zur Hauptstraße lotste mich ein Clubmitglied. Die Fahrt ging flott los auf einer geteerten Straße mit je zwei Spuren pro Richtung, und der Verkehr war rege. Ich fuhr vorsichtig, denn die Kanaldeckel lagen 10 cm unter der Fahrbahn und an vielen Stellen war der Asphalt beschädigt und aufgerissen. Nach etwa 100 km wurde die Straße zu einer einspurigen Straße pro Richtung, und der Verkehr ließ stark nach. Nach etwa 200 km kam ich in die kleine Stadt Ussuriysk. Ich kaufte Getränke und Lebensmittel an einem Kiosk und aß später zu Mittag. In jedem noch so kleinen Dorf und jeder Stadt gab es einen Kiosk, und Lebensmittel waren reichlich vorhanden. Ich kaufte regelmäßig Mineralwasser in Flaschen, um nicht ohne Wasser zu sein. Die Sonne stand noch hoch, doch es war bereits 18 Uhr. Motorräder und Fahrräder waren selten, aber ich began, das russisch gefertigte Seitenwagenmotor rad Ural häufiger zu sehen. Bauern nutzten es als Transportmittel und zum Gütertransport. Der Ural ist mit einem Boxermotor ausgestattet und wird seit Jahren ohne Designänderung hergestellt; die Produktion läuft noch immer mit etwa 5000 Stück pro Jahr. Es ist ein klassisches Motorrad. Der Niepp, ein etwas größeres Motorrad als der Ural, wird in kleinen Stückzahlen hergestellt.

 Das Wetter war schön und die Bedingungen perfekt zum Motorradfahren; die vier Maschinen fuhren flott. Am ersten Tag legten wir etwa 350 km zurück und erreichten gegen 21 Uhr das Dorf Kirovskoe. Mika hatte mir erzählt, dass Kirovskoe auf Japanisch „klarer Strom“ bedeutet. Der kleine Bach neben der Straße war zwar an vielen Stellen klar, aber leider warfen viele Menschen Müll hinein, so dass er von Müllablagerungen blockiert war und alles andere als ein klarer Strom war. Trotz des großen Landes und der geringen Bevölkerungsdichte schmerzt es, dass Städte und Dörfer so verschmutzt sind.

 Ich tankte an einer Tankstelle auf, und in einem Wagen sitzend, fragte ich einen Dorfbewohner, der an derselben Tankstelle war, nach einer Unterkunft. Er lotste mich freundlicherweise geradewegs zur Herberge. Sie lag nur etwa 200 m von der Hauptstraße entfernt und sah wie ein ganz normales Haus aus, was es für Reisende schwierig machte, sie zu finden. Herberge heißt auf Russisch „Gastiniza“. Bei genauerem Hinsehen war ein kleines Schild am Eingang angebracht. Eine Nacht kostete 250 Rubel (etwa 1000 Yen), erstaunlich billig, doch der Flur war dunkel und die Türen sahen zum Zerreißen aus. Die Toilette hatte keinen Sitz, und die Duschanlage war verrostet. Alles war einfach alt. Das Bett sah fragil aus, doch Laken und Kissenbezüge waren sauber gewaschen, wofür ich dankbar war.

 Die Herberge hatte keine Garage, daher suchte der Sohn des Herbergswirts in der Nähe einen großen Schuppen mit Tür und ich stellte mein Motorrad dort ab. Im Russischen heißt ein Parkplatz „Stojanka“, und in jeder etwas größeren Stadt gab es so eine Stojanka. Sie waren mit Stacheldraht umzäunt, hatten ein Wärterhäuschen, und der Wärter schlief dort die Nacht durch. Nachts wurde das Tor geschlossen und ein Wachhund in den Hof gelassen. Eine Übernachtung kostete zwischen 30 Rubel (etwa 120 Yen) und 100 Rubel (etwa 400 Yen), und auch Motorräder mussten den gleichen Preis wie vierrädrige Fahrzeuge bezahlen. Danach suchte ich in kleineren Städten und Dörfern ohne Stojanka nach verschlossenen Garagen oder Schuppen mit Tür, um mein Motorrad dort abzustellen.

 Am 28. Juni sollte ich heute nach Chabarowsk fahren. Ein russischer Autoteilehändler, der neben mir im Bus von Sarbinskoje nach Wladiwostok saß, erzählte mir, dass es 70 km vor Chabarowsk einen japanischen Friedhof gibt, wo nach dem Zweiten Weltkrieg von den Russen internierte Japaner begraben sind. Er markierte die Stelle auf meiner Karte. Ich notierte mir, dass das Denkmal etwa 1 km nach zwei Eisenbahnübergängen auf der linken Seite liegen sollte. Als ich es bemerkte – es stand etwa 10 m von der Hauptstraße entfernt – signalisierte ich meinen drei Begleitern, hielt an, und tatsächlich war es der japanische Friedhof. Im Taiga-Wald dahinter standen etwa hundert Steinmonumente in stiller Trauer. Rundherum gab es keine Häuser; die absolute Stille verstärkte das Gefühl, dass ich wirklich in Sibiriens Weiten angekommen war. Ich verneigte mich tief vor den Menschen, die in der eisigen Kälte, unter Hunger und Zwangsarbeit ums Leben gekommen waren, und setzte meine Fahrt fort. Bald erreichte ich die Stadt Chabarowsk. Chabarowsk liegt auf 48° nördlicher Breite – auf gleicher Höhe wie die Mitte von Sachalin – und ist eine schöne Stadt an den Ufern des Amur.

Das Gedenkmal für die sibirischen Kriegstoten in der Nähe von Chabarowsk

Lynx of Amour

 In Chabarowsk besuchte ich zunächst den Motorradclub Lynx of Amour – „Die Wildkatze des Amur“. Der Vizepräsident Slava holte mich mit dem Auto vom zentralen Kamsamorskaja-Platz ab. Ich folgte ihm zum Clubhaus, und es stellte sich heraus, dass auch sie gebrauchte japanische Motorräder importieren, überholten und verkaufen. Sie stellen auch umgebaute russische Ural-Chopper her und verkaufen sie. Alle Clubmitglieder fahren als Ehepaare, beide in Leder-Zweiteiler gekleidet, und genießen ihre Touren. Egal, aus welchem Land man kommt – unter Motorradfans versteht man sich von Natur aus.

Das Ehepaar Slava, Vizepräsident des Lynx of Amour. Wenn sie fahren, sind beide in Leder-Zweiteiler gekleidet.

 Ich hatte gehört, dass es im sibirischen Sommer viele Mücken gibt, aber die Realität übertraf alle Erwartungen. In Chabarowsk besonders sind die Mücken zahlreich – überall, in der Stadt wie in der Werkstatt, verfolgten sie mich unerbittlich, sogar mit Insektenschutzmittel.

 Am zweiten Abend, einem Sonntag, veranstaltete der ganze Club zu meiner Ehre ein großartiges Willkommensfest. Ab dem Nachmittag begannen die Männer, einen Platz vorzubereiten, machten ein Feuer, kochten ein großes Topfsuppe und kauften Bier in leeren Plastikflaschen – der Literpreis war weniger als die Hälfte des Preises für Dosen. Sie kauften auch Wodka. Die Frauen wuschen Geschirr, stellten es auf den Tisch, schnitten Gemüse und bereiteten Salat vor – alle packten mit an. Die armenische Suppe, die zwei bis drei Stunden gekocht hatte, schmeckte ausgezeichnet. Das Gemüse war reif vom Feld, also konnte es nicht schlecht schmecken. Während des ganzen Fests hielten sie das Feuer brennend und warfen Blätter ins Feuer, um mit dem Rauch die Mücken zu vertreiben. Beide Nächte schlief ich in meinem Schlafsack auf einer Luftmatratze auf dem Betonboden des Clubhauses, aber ich wurde von Insekten geplagt und konnte nicht gut schlafen.

Mit den Mitgliedern des Motorradclubs Lynx of Amour in Chabarowsk. Ich wurde herzlich empfangen und verbrachte zwei Nächte im Clubhaus.

Sibirische Taiga, Sümpfe und unwegsames Gelände

 Am 30. Juni verabschiedete ich mich von den Mitgliedern des Lynx of Amour und verließ Chabarowsk. Nach dem Überqueren der langen Brücke über den Amur fuhr ich auf einer Straße entlang der chinesischen Grenze – an der engsten Stelle waren es nur 23 km bis zur Grenze. Da ich spät losfuhr, legte ich etwa 200 km zurück und übernachtete in der Stadt Birobidschan. Nachts gab es ein heftiges Gewitter mit starkem Regen, aber gegen Morgen ließ es nach. Als ich losfahren wollte, hörte es auf zu regnen. Tagsüber war die Luftfeuchtigkeit jedoch noch hoch; mir war schwül zumute, und die Temperatur stieg auf 35°C.

Kilometerstein zur chinesischen Grenze – 23 km entfernt. Nach Chabarowsk in der Nähe von Syra-Ewa

 Mit der 350 kg schweren Royal Star auf unbefestigten Straßen war es schwierig, die Kontrolle zu behalten. Besonders wo Kies dick aufgestreut war, verloren beide Räder Grip, das Motorrad rutschte seitlich weg und fuhr nicht gerade. Ich war äußerst vorsichtig, um mit Gegenverkehr nicht zu kollidieren, aber einmal fiel ich in einer Kurve und brach das Nebellicht. Zwei Russen stiegen aus einem vorbeifahrenden Auto aus, und der Schweizer Martin, der mir folgte, holte auf. Zu viert schoben wir das Motorrad zurück auf die Straße. Mein Bike bekam Kratzer an der Windschutzscheibe und dem Tank, aber Motor und Rahmen waren unbeschädigt. Ich fuhr weiter. Rundherum erstreckte sich endlos Taiga-Wald aus Birken, Lärchen und Schwarzfichten, mit Sümpfen hier und da. Verschiedenste Wildblumen blühten im kurzen Sommer und erfreuten mein Herz.

 Am Selemja, einem Nebenfluss des Amur, gab es keine Brücke. Der Fluss war etwa 100 m breit. Glücklicherweise gab es eine kleine Fähre, die etwa 10 Lastwagen und Personenwagen tragen konnte. Nach etwa 10 Minuten Warten fuhr ich auf die Fähre und war nach etwa 5 Minuten am anderen Ufer. Nach dem Ausstieg und der Durchfahrt durch eine kleine Stadt folgte mehr unwegsames Gelände. Als es Abend wurde, sank die Temperatur plötzlich ab. Egal wie weit ich fuhr – überall nur Taiga und Sümpfe. Ich hoffte nur noch, dass bald ein Dorf oder eine Stadt auftauchen würde. Um 22 Uhr erreichte ich Belogorsk. Heute fuhr ich 511 km, etwa die Hälfte auf unbefestigten Straßen.

Die Hauptstraße, die sich durch den Taiga-Wald bahnt. Von Chabarowsk bis Schimanovsk – 900 km – etwa die Hälfte ist unbefestigt.

Ein Güterzug in Schimanovsk

 Am 2. Juli fuhr ich 213 km bis Schimanovsk. Von Schimanovsk an gab es zwar lokale Straßen, aber keine Brücken über die Flüsse und keine Fähren. Die 1000 km bis Tschita mussten mit dem Motorrad auf einem Güterwagen zurückgelegt werden. Ich wusste das aus meiner Recherche in Japan – das war die größte Schwierigkeit. Zunächst musste ich einen Güterwagen mit Beladungskapazität für das Motorrad finden. Der Angestellte im Fahrkartenschalter der Station sagte, dass dort keine Motorrad-Güterwagen-Verladung möglich sei. Ich fand ein spezielles Güterwagen-Gebäude etwa 100 m vom Bahnhof entfernt und begann dort zu verhandeln. Ich konnte nicht richtig verstehen, was der Angestellte sagte – ich sollte auf den Verantwortlichen warten. Der Tag verging, ohne dass Fortschritt gemacht wurde, also übernachtete ich im Stationshotel im Bahnhofsgelände. Am Bahnhof gab es einen konbini-ähnlichen Laden, wo ich Lebensmittel und Getränke kaufte – das war mein Abendessen. Nachdem ich mein Zimmer gesichert hatte, fand ich eine Garage etwa 5 Minuten vom Bahnhof entfernt und brachte das Motorrad dorthin.

 Am nächsten Morgen wachte ich um 7 Uhr auf – gerade als ich mir einen Tee machen wollte, kam die Nachricht: Wenn ich das Motorrad um 8 Uhr bringe, kann ich es auf den Güterwagen verladen! Ich packte eilig meine Sachen, nahm ein Taxi zum Motorrad. Diese Gelegenheit konnte ich nicht verpassen – wer weiß, wann die nächste käme. Ich fuhr mit dem Motorrad zurück zum Bahnhof, dem Angestellten folgend, überquerte mehrere Schienen und kam zum Güterwagen an. Ich hatte gehört, dass es ein offener Wagen sein würde und war darauf vorbereitet, aber es war ein gedeckter Güterwagen.

 Im Güterwagen waren bereits sechs gebrauchte japanische Autos auf zwei Ebenen gestapelt. Mein Motorrad sollte in den hinteren leeren Platz. Ohne Bahnsteig war unklar, wie ich das 350 kg schwere Motorrad in den über 1 m hohen Wagen bringen sollte. Schließlich legten wir ein Brett als Rampe an und schoben das Motorrad mit insgesamt 8 Personen hinein. Sechs davon waren russische Käufer, die gebrauchte Autos aus Japan transportieren und sie in das sibirische Landesinnere selbst fahren.

Das Motorrad wurde in Schimanovsk in einen Güterwagen der Transsibirischen Eisenbahn verladen. Mit dem Zug etwa 800 km in einer Tag- und Nacht bis Tschernyschevsck

 Ich verhandelte mit dem Beamten, der mich bis hierher geleitet hatte, über den Preis, und die Fahrtkosten betrugen 2500 Rubel (etwa 10.000 Yen) für das Motorrad und mich. Allerdings stellte sich heraus, dass der Güterwagen nicht bis Syktywkar fahren würde, wie ich vor der Abfahrt gehört hatte, sondern nur bis Tschernyschesk, etwa 200 km davor. Da auch das Auto, das im gleichen Güterwagen geladen war, in Tschernyschesk aussteigen würde, um von dort aus weiterzufahren, dachte ich, dass ich mit dem Motorrad auch irgendwie vorankommen würde.

 Das Paar Martin und Barbara würde von hier aus noch weitere 200 km bis zur nächsten Station fahren, daher verabschiedeten wir uns. Ab hier gibt es über den Fluss keine Brücke, daher musste ich die Eisenbahnbrücke mit dem Motorrad überqueren. Angela sagte wie ich, dass sie hier ihre Grenze erreicht hätte, und stieg in den gleichen Güterwagen. Von hier bis Tschernyschesk beträgt die Entfernung etwa 800 km und die Fahrt mit dem Güterzug dauert etwa 24 Stunden. Da der Güterzug keinen Personenwagen hat, musste ich Lebensmittel mitnehmen. Ich eilte in den 30 Minuten vor der Abfahrt zurück zur Station und kaufte Lebensmittel und Getränke für etwa zwei Tage. Der Güterwagen wurde anschließend mehrmals im Bahnhof verlegt und schließlich in einen Güterzug mit etwa 50 Wagen integriert. Letztendlich verließen wir Simanowsk erst nach Mittag.

Fortsetzung Teil 2: Wiedersehen nach 34 Jahren in der arktischen Region

(Besondere Ausgabe Motorcyclist, Februar 2004)

Das Schlafzimmer im Wagen war der Himmel

 Der Güterzug hatte alle paar Wagen einen Schaffnerraum. Ich durfte in dem engen Schaffnerraum sitzen und aß meine erste Mahlzeit des Tages. Glücklicherweise gab es neben dem Schaffnerraum eine Toilette, aber sie war so schmutzig, dass es besser war, wenn der Güterzug hielt, in die nahe Büschlandschaft zu gehen.

 Der Schaffner sprach etwas Englisch. Er war 36 Jahre alt und hatte zwei Kinder – eine 12-jährige Tochter und einen 7-jährigen Sohn. Er erzählte, dass er am Afghanistankonflikt teilgenommen hatte, von einer Sprengladung getroffen worden war und sich schwer verletzt hatte, aber bereits nach drei Monaten zurück ins Land kam. Er kochte mir zum Abendessen Wasser in einer elektrischen Heizplatte und machte mir Tee. Das Essen bestand aus geräuchertem Fisch aus dem Baikalsee und Brot – er bot mir an, einen von drei Fischen zu essen. Es war sehr salzig, aber nach japanischem Geschmack. Im Gegenzug teilte ich Schinken und Käse, die ich am Bahnhof gekauft hatte. Er besaß drei Motorräder und war ein großer Motorradfan. Er hatte ein russisches Ural und ein Neval. Da russische Maschinen häufig Probleme haben, deutete er auf mein Royal Star, das auf dem Güterwagen geladen war, und sagte lachend, dass er gerne eine japanische Maschine hätte.

 Vor dem Fenster erstreckten sich endlos der sibirische Taiga-Wald und Moore. Die lebhaften grünen Baumkronen hoben sich schön gegen die weißen Birkenstämme ab. Gegen 22 Uhr wurde es Abendrot und der westliche Himmel färbte sich rot.

Der sich endlos erstreckende Taiga-Wald. Die Transsibirische Eisenbahn ist vollständig elektrifiziert und hat, erstaunlicherweise, Doppelgleise. Sie war seit der Sowjetzeit eine Hauptverkehrslinie, die Ost und West des Landes verbindet.

 Der Schaffner sprach mit dem Fahrer des Gebrauchtwagens, und ich durfte auf dem Beifahrersitz schlafen. Glücklicherweise gab es im Schaffnerraum ein Etagenbett, auf das Angela auf der oberen Bettstelle legen durfte, was sie offenbar beruhigte. Mit meiner Taschenlampe kroch ich durch die schmale Lücke, in der ich nur mich zur Seite drehen konnte, und quetschte mich auf den Beifahrersitz. Da ich damit gerechnet hatte, in einem Schlafsack auf dem offenen Pritschenwagen zu schlafen, war das Schlafen im Auto ein wahrer Himmel. Der Fahrer schlief bereits fest auf seinem Fahrersitz. Der Güterwagen war völlig dunkel – es gab nur ein kleines Fenster nach vorne. Ich dachte, wenn ein Feuer ausbräche, könnte ich wegen des engen Gangs nicht entkommen, und fiel dann, ermattet, in tiefen Schlaf.

 Am nächsten Tag war das Wetter schön und ich hatte seelisch etwas Ruhe. Ich saß auf dem Boden am Ausgang des Güterwagens, ließ die Tür offen, schaute der Landschaft langsam zu und genoss die sibirische Natur. Der Güterzug fuhr langsam in gewundenen Linien durch die sanften Bergketten des Stanowoigebirges. Es gab überhaupt keine Tunnel, und alle etwa 100 km gab es einen Bahnhof, wo wir stoppten, aber die Verweilzeiten waren unterschiedlich und es gab kein Zeichen, wann der Güterzug losfahren würde. Ich konnte nur am Bahnsteig dehnen oder neben dem Ausgang auf und ab gehen und mich bewegen.

 Um die Bahnhöfe herum lagen verstreut Bauernhöfe. Die Straßen, die Bahnhof mit Bahnhof und Dorf mit Dorf verbinden, sind unterbrochen, wenn ein Fluss kommt, weil es keine Brücken gibt – das einzige Verkehrsmittel ist der Zug. Im Winter gefriert der Fluss zu, daher könnte man mit einem kleinen Geländemotorrad wahrscheinlich irgendwie durchkommen. Es schien noch lange hin, bis man hier im Sommer mit dem Motorrad fahren könnte. Wenn dieser Abschnitt befahrbar würde, würde die Fahrt durch Sibirien nach Europa sehr viel leichter. Andererseits würde mehr Verkehr diese große Natur zerstören. Man muss Umweltschutz und Bequemlichkeit zusammen denken.

Der See, in dem Dschingis Khan seine Wunden heilte

 Gegen 11 Uhr morgens kamen wir in Tschernyschesk an, dem Endbahnhof des Güterzugs. Die einzelnen Wagen des langen Güterzugs wurden der Reihe nach auf den Bahnsteig gestellt und Autos und Fracht wurden ausgeladen. Unser Güterwagen war etwa zwei Stunden später an der Reihe. Russische Mitreisende halfen mir, das 350 kg schwere Royal Star aus dem Güterwagen zu laden. Bevor ich das Royal Star auslade, sammelten wir gemeinsam die Nägel, Draht und Metallteile auf dem Bahnsteig auf, die zu Pannen führen könnten, und räumten auf. Von Vladivostok hierher bin ich glücklicherweise ohne Panne gekommen. Die Reparatur eines Lochers bei einem großen Motorrad ist mühsam.

Das Royal Star wird am Bahnhof von Tschernyschesk aus dem Güterwagen entladen. Die russischen Käufer der sechs japanischen Gebrauchtwagen, die im gleichen Güterwagen geladen waren, waren sehr freundlich und halfen sich gegenseitig, Motorräder und Autos auszuladen.

 Um 15 Uhr verließ ich den Bahnhof von Tschernyschesk wieder mit dem Motorrad. Nach etwa 1 km erreichte ich einen Bahnübergang der Transsibirischen Eisenbahn. Eine Lokomotive stand gerade auf dem Bahnübergang und dieser war geschlossen, aber bei genauerem Hinschauen sah ich, dass eine in die Straße eingelassene Eisenplatte nach vorne angehoben war. Die Eisenplatte war ein Hindernis und verhinderte, dass Autos in den Bahnübergang eindringen konnten, daher wartete ich. Als die Lokomotive sich vom Bahnübergang entfernte, senkte sich die Eisenplatte auf die Straßenhöhe und der Bahnübergang öffnete sich. In Russland gab es immer ein Bahnwärterhaus und einen Bahnwärter, und solche Sicherheitsmaßnahmen waren getroffen worden.

Der Bahnübergang der Transsibirischen Eisenbahn. Wenn die Bahnschranke von oben herabfällt, hebt sich gleichzeitig die Eisenplatte im Boden nach vorne. Dies funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die Startsperre bei einem Motocross-Rennen.

 Am 4. Juli begann es abends zu regnen, und obwohl es morgens nicht aufgehört hatte, brach ich auf. Der Regen hörte am Vormittag auf, und als die Sonne hervorkam, wurde es plötzlich schwül. Als ich mich auf dem Weg nach Ulan-Ude wohlfühlte, fand ich einen wunderschönen Campingplatz umgeben von Seen und Wäldern. Angela schlug vor, hier zu übernachten. Ich sah Russen im See schwimmen und Familien beim Camping, die den kurzen Sommer genießen. Es war erst 15 Uhr und ich hätte gerne noch zwei bis drei Stunden fahren wollen, aber da ich erschöpft war, stimmte ich zu.

 Das Zelt, das ich in Vladivostok gekauft hatte, war endlich zum ersten Mal nützlich. Ich erinnerte mich daran, dass Mika von Iron Taiga mir erzählt hatte, dass es in dieser Gegend einen wunderschönen See gab, in dem Dschingis Khans Armee ihre Wunden heilte. Als ich Ian, den Besitzer des Campingplatzes, fragte, sagte er, dass dies genau dieser See sei. Das Wasser des Sees soll Stoffe enthalten, die bei Wunden helfen. Das Wasser war so klar wie im 13. Jahrhundert, als Dschingis Khan lebte.

 Ian bereitete zum Abendessen ein Rentierfleisch-Barbecue zu. Zunächst machte er ein Feuer mit Brennholz und kochte Kartoffeln. Dann, wenn die Flammen erloschen waren und nur noch Glut übrig war, spießte er das Rentierfleisch auf Stöcke und grillte es. Der Rauch des Barbecues vertrieb Mücken und Bremsen. Während er mir Räucherfleisch vom Rothirsch zum Bier reichte, erzählte er mir, dass er während des Winters jagt, das Fleisch räuchert und es das ganze Jahr über isst. Das Fleisch war kaum durchgebraten und etwas salziger, aber sehr köstlich.

 Am nächsten Morgen war die Luft kühl und kristallklar. Als ich mein Gesicht mit dem kalten, klaren Seewasser wusch, fühlte ich mich erfrischt. Ian bereitete das Frühstück vor und zeigte mir stolz Fotos von seinen Jagden. Elche, Hirsche, Wildvögel – alle sind wichtige Nahrungsquellen. Für den Platz im Camp verlangte er nur 100 Rubel (etwa 400 Yen) inklusive Verpflegung. Ich verließ das Lager mit dem Wunsch, dass solch schlichte Menschen, die in dieser abgelegenen Gegend Sibiriens ihre Jagdtradition fortsetzen, noch lange von den Segnungen der Natur profitieren und in Frieden leben können.

Der Baikalsee in Kobaltblau.

 Das Jablonoigebirge ist eine Gebirgskette, die von Osten nach Westen verläuft und durchquert werden muss, um vom Chita zum Baikalsee zu gelangen. Auf langen geraden Bergaufstrecken fing die Straße plötzlich an sich zu winden. Die einfache Asphaltstraße ermöglichte Fahrten mit 90–100 km/h. Es folgten Kurven in der Bergaufstrecke, die für das Royal Star ideal waren. Ich lehnte mich zurück und fuhr angenehm. Diese Maschine war die richtige Wahl gewesen.

 Um 18 Uhr kam ich in Ulan-Ude an und buchte eine Unterkunft. Ulan-Ude ist die Hauptstadt der Burjatischen Republik, von hier aus führt eine Straße zur mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar. Die Burjaten sind mongolischen Ursprungs und haben Gesichter, die denen von Japanern ähneln. An diesem Tag fand ein Fest zum 336. Stadtjubiläum statt, und der zentrale Platz der Stadt war belebt. Auf der Bühne führten junge Menschen in traditioneller Tracht nacheinander Volkstänze auf. Kosaken, Mongolen und russische Weiße leben freundschaftlich zusammen.

 Angela sagte, dass sie nach Mongolien fahren werde, und wir verabschiedeten uns in dieser Stadt. Ich fand die Alleinreise einer Frau gefährlich, aber sie hatte angeblich schon allein durch Afrika gereist – eine sehr mutige Frau. Später erhielt ich eine E-Mail, in der sie mitteilte, dass sie Ende September sicher in ihrer Heimat angekommen war. Das war eine Erleichterung.

 Am 7. Juli verließ ich Ulan-Ude in Richtung Irkutsk. Die Straße über das Jablonoigebirge wurde allmählich sanfter mit weniger ausgeprägten Kurven und Steigungen, und ich sah immer wieder Dorfbewohner am Straßenrand, die Blaubeeren in Gläsern verkauften. Keine Schilder, kein Anwerben. Sie saßen einfach herum oder lagen im Gras. Weiter vorne kamen mir Stände mit geräuchertem Fisch und rohem Fisch entgegen. Der geräucherte Fisch, den ich vom Schaffner eines Güterwagons der Transsibirischen Eisenbahn erhalten hatte, war derselbe wie dieser.

 Nach den Ständen erblickte ich rechts vor mir einen blau leuchtenden See. Der Baikalsee! Selbst unter klarem Himmel war das andere Ufer nicht zu sehen – er ist wie ein Meer riesig. Der Baikalsee in Kobaltblau, der sich jenseits des Taiga-Waldes ausbreitet, war schöner als erwartet, und ich hielt an und schaute ihm lange zu. Der Baikalsee ist als der tiefste See der Welt bekannt, sein Wasser fließt in den Jenissei und mündet in die Arktis. Ich fuhr weiter mit dem See zu meiner Seite. Hier drängten sich Berge heran, und die Straße verläuft parallel zur Transsibirischen Eisenbahn. An den Stellen, wo man die Eisenbahn sehen konnte, legte ich mehrmals Pausen ein, und fast jedes Mal traf ich auf einen Zug. Das zeigt, dass die Transsibirische Eisenbahn in Betrieb ist und ein wichtiges Transportmittel in Russland darstellt. Im Dorf Baikalsk verkauften etwa 30 Dorfbewohner Erdbeeren in Eimern am Straßenrand, und Autofahrer kauften sie. Die Feldfrüchte schienen reich zu wachsen. Je näher ich Irkutsk kam, desto besser wurde die Straße und desto mehr nahm der Verkehr zu.

 Am Ortseingang traf ich Shoshan, einen Yamaha-Importeur, und ruhte mich zwei Nächte in Irkutsk aus. Von der Stadt Irkutsk bis zum Baikalsee sind es etwa 70 km, und die Wälder, Dörfer und das Restaurant in dieser Gegend waren bemerkenswert schön. Überraschenderweise aßen die Menschen in Irkutsk in diesem Restaurant rohen Baikalsee-Fisch. Er war wie Sashimi geschnitten, wurde aber mit Salz und Pfeffer gegessen. Ich probierte es, wollte aber als Japaner Wasabi und Sojasauce haben.

 Am Abend des zweiten Tages wurde ich von einem Freund von Shoshan zum Abendessen eingeladen, der ein Autoteilgeschäft besitzt. Sein Haus war ein Anwesen in einem Nobelwohnviertel von Irkutsk, mit hohen Mauern umgeben, eine große Tür mit Wachleuten, deren Familie im Haus nebenan wohnte, und Blumenbeete neben einem großen Garten. Die zum Abendessen servierten Gemüse stammten größtenteils aus dem eigenen Garten. Im Essen war gefrorener Fisch. Der Hausherr hatte diesen Fisch heute im Baikalsee gefangen und gefroren; statt ihn zu schneiden, bricht man die gefrorene Fischfleisch-Stücke ab und isst sie mit Salz und Pfeffer. Die Einheimischen essen ihn so alle. Das weiße Fleisch des etwas dickeren Seefisches hatte eine knackige Textur, die nicht besonders appetitlich wirkte. In diesem Nobelwohnviertel gab es einen Bauboom – selbst in einer Provinzstadt war zu sehen, wie die wohlhabende Schicht wuchs.

Eine Bauernfamilie, die Blaubeeren in großen Körben am Straßenrand verkauft. Der Ural-Beiwagen ist ein wichtiges Transportmittel für die Bauern.
Hinter dem Wald liegt der Baikalsee. Dort gefangener roher Fisch und geräucherter Fisch werden in kleinen Ständen entlang der Hauptstraße verkauft.
Geräucherter Baikalsee-Fisch. Derselbe wie der, den mir der Schaffner in einem Güterwagen der Transsibirischen Eisenbahn gab.
Der Baikalsee in Kobaltblau. Das andere Ufer ist nicht zu sehen, und mit seiner enormen Größe wie ein Meer ist er der tiefste See der Welt.
Ein Dorfbewohner verkauft Erdbeeren im Dorf Baikalsk, etwa 150 km vor Irkutsk. Auf der Hauptstraße, die ich fuhr, gab es viele solcher Verkäufer. In ländlichen Gegenden ist das Einkommen gering, und während der verkehrsreichen Sommersaison versuchen die Menschen, auf diese Weise etwas Bargeld zu verdienen.

Humorvolle Russen.

 Am 10. Juli verließ ich Irkutsk. Die schöne zweispurige Straße wurde nach 30 km einspurig und nach etwa 50 km Feldweg. Es begann zu regnen, und die Straße mit ihren Schlaglöchern wurde schlammig. Ich durchquerte mehrere solcher schlechter Straßen, passierte Turun und Kansk, fuhr durch Krasnojark auf dem 56. Breitengrad und steuerte Kemerovo an. Die Straßenschilder waren nur auf Russisch, also musste ich aufpassen, aber offenbar übersah ich eines. Ein Russe, dem ich begegnete, stieg aus dem Auto aus, zeigte mir den Weg und spendierte mir einen warmen Kaffee. Aber ich wurde von Mücken gestochen und Zikaden flogen in meinen Kaffee, also hatte ich keine Ruhe zum Genießen. Ich trank den Kaffee schnell, dankte und fuhr weiter.

 Von hier aus führen mehrere Straßen nach Westen, daher musste ich besonders auf die Straßenschilder achten. Als ich an einem Bahnübergang hielt, entdeckte ein Eisenbahnarbeiter meinen Royal Star und rannte aus etwa 30 m Entfernung zu mir herüber. Nach dem genauen Betrachten des Motorrads deutete er mit ausgebreiteten Armen auf ein russisches Motorrad (Ural), das neben dem Bahnübergang stand, und machte Lärm, als wolle er es gegen meines austauschen. Sein freundliches Lächeln zeigte deutlich, dass es ein Witz war. Russen sind so freundlich, dass sie auch zu Fremden Witze machen.

 In die Stadt Kemerovo eingezogen und ein Hotel gesucht. Als ich das Motorrad in der Stadtmitte abstellte, versammelten sich sofort viele Menschen darum. Sie schauten neugierig und fragten hintereinander: „Wie viele Zylinder?“ „Wie viele PS?“ „Wie schnell?“ „Wie viel kostet es?“ Sie staunten mit großen Augen über den V-Motor mit vier Zylindern. Da es in Russland viele mongoloide Russen gibt, hielten mich die Menschen nicht für einen Ausländer, sondern bombardierten mich auf Russisch mit Fragen. Als ich ihnen auf mein bestes Russisch erklärte, dass ich ein Reisender aus Japan bin, fragten sie mich danach langsamer auf Russisch. Unter der Stadtbevölkerung sprechen nur wenige Englisch. Junge Menschen, Kinder und ältere Menschen – überall waren alle freundlich und aufgeschlossen. Während sie mich auf Russisch ansprachen, berührten sie laufend den Lenker und den Tank des Motorrads. Man konnte deutlich sehen, dass sie ein solches Motorrad haben wollten.

 Da sich so viele Menschen versammelt hatten, hielt ein Polizeiwagen an, um zu schauen, was los war. Das kam mir gerade recht. Ich fragte den Polizisten, ob es in dieser Stadt ein Hotel gibt. Er sagte mir, ich solle ihm folgen, er würde mich hinbringen. Ich verabschiedete mich von den versammelten Menschen und folgte dem Polizeiwagen zu einem vierstöckigen alten Gebäude, das nicht wie ein Hotel aussah. Im ersten Stock war ein Geschäft, und vom zweiten bis vierten Stock war teilweise ein Hotel untergebracht. Überraschenderweise war ein Teil des Gebäudes eine Polizeiwache, und die Polizisten verwahrten mein Motorrad dort. Es gab keinen sichereren Platz.

Ein Bauernehepaar, das ich in Toulon traf. Sie waren gerade dabei, in die Stadt zum Einkaufen zu gehen.
Hotel Krasnojarsk und der Park vor dem Hotel. An einem sommerlichen Abend mit langen Tageslichtstunden verbrachten viele Bürger ihre Zeit gemütlich dort.
Ein Polizeikontrollposten am Eingang der Stadt Kemerovo. Diese Kontrollposten gibt es an jedem Ein- und Ausgang der Stadt sowie an den Grenzübergängen zwischen den Bundesländern, wo die Pässe kontrolliert werden. Auch die Zollbescheinigung für das Motorrad wurde überprüft. Es war sehr lästig, mehrmals täglich die Kontrollposten zu passieren.
Eine Verkäuferin an einem Kiosk in Kemerovo. Überall sind die Waren einzeln mit Preisen gekennzeichnet. Lebensmittel sind überall reichlich vorhanden.

Nowosibirsk, die Zentralstadt des Korngürtels.

 15. Juli: Abfahrt aus Kemerovo. Aus den alten Fabrikgruppen strömte dichter Rauch, und die ganze Stadt war von Smog bedeckt – es erinnerte mich an das Industriegebiet Kawasaki in den 1950er Jahren. Heute Morgen war es kalt, und die Menschen trugen lange Mäntel. Die Temperatur war auf 10 Grad Celsius gefallen. Auch ich zog eine Thermohose an und hatte eine gesteppte Fütterung in meine Jacke nähen lassen, um mich vor der Kälte zu schützen. Nach etwa 10 km war der Smog weg und die Sonne schien aus dem blauen Himmel, aber die Temperatur stieg trotzdem nicht, also fuhr ich die ganze Zeit in meiner Winterkleidung.

 Diese Gegend liegt auf dem 55. Breitengrad, auf der gleichen Breite wie die Mitte der Halbinsel Kamtschatka, und ist ein reiches Kornanbaugebiet. Auf den neu erschlossenen Ebenen Westsibiriens erstrecken sich Weizenfelder und Weidemflächen, soweit das Auge reicht. Es wird zwar große landwirtschaftliche Maschinen eingesetzt, aber manchmal sieht man auch Beiwagen und Pferde, die Heu transportieren. Während des kurzen Sommers ist man fieberhaft damit beschäftigt, Getreide für den Eigenverbrauch und Heu für das Vieh zu ernten.

 Nach etwa 300 km Fahrt kam ich um 3 Uhr früh in Nowosibirsk an. Der Ob-Fluss fließt durch die Stadt, und große Schiffe fahren hin und her. In jeder Großstadt Russlands fließt ein großer Fluss, und Schiffe sind ein wichtiges Transportmittel für Waren. Direkt vor dem Hauptbahnhof stand ein 23-stöckiges Hotel Nowosibirsk. Es sah zwar imposant aus, war innen aber dunkel, und wie üblich lagen Sicherheitsleute in der Lobby herum – ein typisches russisches Staatshotel. Die Unterkunftspreise zeigten deutlich an: Ausländer 850 Rubel (etwa 3400 Yen), Russen 600 Rubel (etwa 2400 Yen) – ein offenes Zweipreissystem. Ich legte mein Gepäck ab und machte mich auf die Suche nach einem Ort mit Internetverbindung.

 Vor dem Bahnhof reihten sich Geschäfte aneinander, überall wimmelte es von Menschen, und es gab reichlich Lebensmittel und Haushaltswaren. Da dies das Zentrum des Kornanbaugebiets ist, gab es viele Bauern. Es gab einen großen Busbahnhof mit deutlich getrennten Einstiegsstellen für große Stadtbusse und mittlere Busse für die Vorstadt. Die großen Busse und Oberleitungsbusse waren alle abgenutzt und von überschrittener Lebensdauer. Sie wurden repariert, aber es gab Grenzen. Ich machte mir Sorgen, dass es mit dem öffentlichen Nahverkehr bald Probleme geben könnte. Ich suchte etwa eine Stunde lang ein Internet-Café, kam aber nicht hin. Das Suchen nach einem Platz hat heute viel Zeit gekostet.

Ein Schild am Eingang eines gebührenpflichtigen Parkplatzes (Stojanka). Autos 50 Rubel pro Tag, Lastwagen 70 Rubel pro Tag (das mittlere Fahrzeug ist unklar). Für Motorräder wurde überall der Pkw-Tarif berechnet.

Ein unerwartetes Wiedersehen nach 34 Jahren.

 16. Juli: Abfahrt aus Nowosibirsk. Als ich die Stadt verließ, folgten endlose Weidemflächen, dann wurde es moorig. Auf der rechten Seite der Straße in einer leeren Fläche waren etwa 20 Motorräder geparkt, und ihre Fahrer machten Mittagspause. Ich verlangsamte das Tempo und ging zu ihnen hin – es war eine japanische Tourengruppe. Ich stellte mein Motorrad ab und rief „Hallo!“, und sie antworteten mit „Hallo!“ Ich war überrascht, so viele Japaner in Sibirien zu treffen. Wir tauschten Grüße aus, und ein Mann mit einer roten Jacke, sonnengebräunt und mit scharfsinnigem Gesicht, sagte zu mir: „Sie sind Yoshida, nicht wahr?“ und nannte meinen Namen. Als ich genauer hinschaute, war es tatsächlich Takashitoshirō, den ich vor 34 Jahren schon mal getroffen hatte.

Takashitoshirō und ich waren überglücklich, uns nach 34 Jahren wiederzusehen. Ich hätte nie gedacht, dass wir uns in Sibiriens Ferne treffen würden. Ich hatte von seinen Exploits in Magazinen und Büchern gelesen, also war ich sein Motorrad-Aussehen gewöhnt. Für ihn war meine Erinnerung nur ein einzelnes Treffen vor 34 Jahren. Als er mich dann mit den Worten „Sind Sie Yoshida?“ ansprach, war meine Überraschung groß. Was für ein erstaunliches Gedächtnis!

 Nach meiner vorherigen Weltreise, als ich nach Japan zurückgekommen war, besuchte mich Takashitoshirō, der mit dem Motorrad nach Afrika fahren wollte. Wir waren beide bewegt von diesem unerwarteten Wiedersehen auf den unerwarteten sibirischen Steppen und gaben uns einen festen Händedruck. Takashitoshirō hat seine Motorrad-Afrikafahrt verwirklicht. Danach bereiste er immer wieder In- und Ausland und ist heute ein führender Motorrad-Tourenfahrer der Welt. Das Bewunderungswerte an ihm ist, dass er während seiner Fahrten im In- und Ausland eine Familie gegründet hat und drei Kinder großgezogen hat.

 Diese Gruppe war eine Motorradverganstalte „Dōsojin“, eines Reisebüros, die eine Motorradtour von Wladiwostok bis zur Westspitze Portugals organisiert hatte. Einige Mitglieder waren sehr überrascht, dass ich allein mit dem Motorrad quer durch Russland fahre. Sie dachten, dass freies Motorradreisen im Einzelnen noch nicht möglich sei. Sie waren gerade dabei, nach dem Mittagessen aufzubrechen, aber sie spendierte mir eine Schüssel Instant-Nudeln zum Mittagessen. Da ich keine japanischen Lebensmittel mitgebracht hatte, war dies das erste Mal in einem Monat, dass ich das freudige Soy-Aroma genoss. Wir wünschten uns gegenseitig Sicherheit, und unter der Leitung von Takashitoshirō fuhr die Gruppe voraus, gefolgt von einem Van mit einem russischen Dolmetscher und einem Vertreter von Dōsojin.

Über das Ural-Gebirge hinweg

 Nach Gavaa Glinka, Omsk und Tscheljabinsk war am 21. Juli genau einen Monat vergangen, seit ich Hamamatsu verlassen hatte. Auf Wiedersehen, riesiges Sibirien. Ich hatte bereits über 7000 km zurückgelegt, und wenn man die Strecken hinzurechnet, die ich mit der Bahn gefahren bin, komme ich auf 8000 km. Die Straßen waren schlecht, die Unterkünfte schmutzig – aber wenn ich an Japans 1950er Jahre denke, ist das nicht erwähnenswert. Damals gab es auf der Nationalstraße 1 zwischen Tokio und Hamamatsu noch ungeteerte Straßen. Bei meiner Japan-Rundfahrt waren etwa 80 % der Straßen in Hokkaido, Kyushu und Shikoku ungeteert, und bei meiner letzten Weltreise waren die steilen Bergpfade in Kolumbien fast alle ungeteert. Wenn ich daran denke, dass ich vor 37 Jahren mit einem 250er-Motorrad etwa 2000 km von Brasília zum Amazonas-Mündungsort Belém über vollkommen ungeteerte, schlechte Straßen hin und zurück 4000 km gefahren bin, dann ist Sibiriens Straßenzustand wirklich nicht der Rede wert. Hier angekommen bin ich dann ruhig geworden und habe mich daran erinnert und so gedacht.

 Ich fahre über das Uralgebirge und überquere mehrere sanfte, lange Steigungen und Gefälle. Es gab keine steil aufragenden Berge, es fühlte sich an wie das Überqueren großer Hügel, und bald war ich in der Stadt Ufa. In den Wiesen gab es viele Ölbohrtürme. Die Baschkortostan-Republik wird von Öl bereichert. Ufa ist die Hauptstadt der Baschkortostan-Republik und wird von vielen Baschkiren, die muslimischen Glaubens sind, bewohnt, und die Nachbarrepublik Tatarstan ist ebenfalls muslimisch geprägt.

Fortsetzung Folge 3: Tränenreiche Klassentreffen auf der Isle of Man nach 35 Jahren

(Motorcyclist Extra März 2004)

Russisches Badehaus „Banja“

 Am 21. Juli besuchte ich Ilias, der mir von Mika vom Motorrad-Club Lynx of Amur in Wladiwostok empfohlen worden war. Wie Mika importierte auch er Gebrauchtmotorräder aus Japan und verkaufte sie, und er war mehrmals nach Japan zum Einkaufen gefahren. Er forderte mich dringend auf, bei ihm zu übernachten. Sein Haus war ein zehnstöckiges Apartmentgebäude in einem Vorort-Wohnkomplex, in dem durchschnittliche russische Angestellte wohnen, und auf der Freifläche liefen Kinder lebhaft herum. Zuhause wurden wir von seiner Frau und seinem Vater begrüßt. Als ich hineinging, war das Haus nicht besonders groß, und ich dankte Ilias von ganzem Herzen für sein Angebot, mich unterzubringen. Nach einem leichten Abendessen beschlossen wir, ein Banja – ein russisches Badehaus – zu besuchen, und fuhren mit dem Auto zum Haus eines Freundes von Ilias.

 Das Haus an der Wolga hatte einen großen Gemüsegarten, in dem er Kartoffeln und andere Grundnahrungsmittel, Gemüse wie Tomaten und Kohl sowie Obst wie Blaubeeren anbaute, und sogar Hühner hielt. Da das Bargeldeinkommen gering war, sagte er, würde er fast alle seine Lebensmittel selbst produzieren. In einer Ecke des Gartens stand ein großes schuppenähnliches Gebäude – das war das Banja. Das Ausziehen und Hineingang war wie in einem japanischen Badehaus. Nachdem mein Körper sich aufgewärmt hatte, legte ich mich auf der hölzernen Bank hin, und als mich jemand mit einem Bündel von Birkenästen schlug, duftete der Geruch der Blätter wunderbar angenehm. Durch das Schlagen wird dem Körper ein angemessener Reiz gegeben, und der Blutfluss verbessert sich. Wir wechselten uns gegenseitig ab und schlugen uns, und als es zu heiß wurde, kühlten wir uns in einem Nebenzimmer ab – etwa viermal wiederholt. Zum Abschluss wusch ich meinen Körper.

 Das war ein langer Fahrtag von Tscheljabinsk nach Ufa mit dem Uralpass – 550 km insgesamt – also war ich völlig erschöpft, als ich aus dem Banja kam. Aber seine Frau hatte Essen vorbereitet – Bier, Borschtsch und Brot, und sogar ein starkes hausgemachtes Schnapsgetränk. Ich kehrte zu Ilias‘ Haus zurück und war um 2 Uhr morgens auf dem Wohnzimmersofa eingeschlafen.

 Während meines Aufenthalts in Russland hatte ich gehofft, mindestens einmal ein echtes Banja zu besuchen, und ich dankte Ilias herzlich dafür, dass er mir diese kostbare Erfahrung ermöglicht hatte.

 Am nächsten Tag versammelten sich Ilias‘ Motorrad-Freunde. Sie alle besaßen japanische Motorräder und riefen sich gegenseitig an, um sich zu treffen, wenn es Probleme gab. Ein lokaler Fernsehsender und eine Radiostation wollten darüber berichten, dass ein Japaner mit dem Motorrad durch Sibirien gefahren war, also versammelten sich etwa 20 Personen. Nach einem Interview in einer Café-Bar wurde eine Aufnahme gemacht, wie wir alle zusammen durch die Stadt tourten.

Nach Moskau, Russlands Hauptstadt

 Als ich mich Moskau näherte, wurden die Straßenschilder zweisprachig in Russisch und Englisch, die Straßen wurden besser und der Verkehr intensiver. Diese Nacht übernachtete ich in Wladimir, etwa 190 km vor Moskau, einer historischen Stadt, die im 12. Jahrhundert Hauptstadt des Fürstentums Wladimir-Susdal war. Diese Stadt war völlig anders als das Russland, durch das ich bisher gefahren war – ich war überrascht von den gepflegten, sauberen Straßen mit historischen Gebäuden.

 Am nächsten Tag, dem 28. Juli, machte ich mich auf den Weg nach Moskau. Während der Fahrt bemerkte ich einen merkwürdigen Geruch in dem dicken Nebel. Es schien Rauch zu sein. Nach einiger Zeit brannte es auf beiden Seiten der Straße. Dieses Jahr war es regenarm und heiß, und die Brände hielten den ganzen Sommer an. In dieser Gegend lag eine Torfschicht an der Oberfläche, daher brannten nicht nur die Bäume des Waldes, sondern auch der Boden selbst, und das Feuer ließ sich nicht leicht löschen.

 Auf der Straße gab es immer mehr Stände mit Früchten wie Wassermelonen und Alltagsgegenständen zum Verkauf, und bald war ich mitten in Moskau mit seinen vielen Hochhäusern. Es war relativ einfach, ins Zentrum der Stadt zu kommen.

 Ich erreichte das Zentrum Moskaus, den Kreml, gegen Mittag. Kaum dass ich aufatmen konnte, dass ich sicher hier angekommen war, hielt ich an der roten Ampel vor dem Bolschoi-Theater, als ein Polizist näher kam und „Dokument (Papiere)“ sagte. Ich zeigte meinen Pass, aber dann deutete der Polizist auf das Motorrad und sagte wieder „Dokument“. Ich zeigte die Zolldokumente des Motorrads, aber der Polizist sagte, das sei noch unzureichend. Ich fragte mit energischer Stimme, welche Papiere ich sonst noch zeigen soll, und nahm meinen Pass und die Zolldokumente von dem Polizisten zurück. Dann kehrte der Polizist zu der Verkehrsregelung zurück, aber Russland hatte überall Kontrollpunkte. An manchen Tagen wurde ich von Polizisten drei bis vier Mal angehalten.

Der Traum junger Menschen ist es, auf japanischen Super-Sport-Motorrädern oder Croisern zu fahren, und dieser Ort ist ein Platz zum Austausch von Informationen. Mehr als die Hälfte der Motorräder sind Ural-Motorräder, die zu Croisern umgebaut wurden
Moskauer Motorrad-Fans versammeln sich am Wochenende an der Moskauer Universität. Weibliche Nutzer kamen auch auf Rollern und waren schick angezogen

 Ich hielt das Motorrad an, stellte das Stativ auf und machte sorgfältig ein Erinnerungsfoto meiner Ankunft in Moskau mit dem Bolschoi-Theater im Hintergrund. Es war noch zu früh zum Einchecken im Hotel, also ging ich zum „Roten Platz“. Es war Hochsaison im Sommer und es gab viele Touristen aus verschiedenen Ländern. Auf der anderen Seite der Straße lag das staatliche Hotel Russia, in dem ich diese Nacht übernachten wollte. Das 21-geschossige Hotel mit 5500 Zimmern ist das größte Hotel der Welt. Da es vier Lobbys in den vier Himmelsrichtungen gibt, ist es ein echtes Abenteuer, zum Zimmer zu gelangen, wenn man durch den falschen Eingang kommt. 1600 Rubel pro Nacht (etwa 6400 Yen) ist billiger als Hotels mit westlichem Kapital im Westen Moskaus, aber man muss mit dem Service eines staatlichen russischen Hotels rechnen.

Ankunft auf dem „Roten Platz“, Moskaus Hauptstadt Russlands. Erinnerungsfoto mit Stativ

 Abends wurde ich vom Personal der Markterschließungsabteilung von Yamaha begrüßt und aß zum ersten Mal seit meiner Abreise aus Japan japanisches Essen. Es waren Leute, mit denen ich während meiner aktiven Zeit zusammengearbeitet hatte und deren Gedanken ich verstand, so dass ich mich wirklich entspannen konnte, und meine Müdigkeit flog davon. Moskau erlebt einen japanischen Essens-Boom, und sogar in Restaurants der russischen Küche gibt es Sashimi und Sushi auf der Vorspeisenkarte.

Die Moskauer U-Bahn

 Am nächsten Tag besuchte ich eine Yamaha-Vertretung in Moskau, um mich vorzustellen, ließ mein Motorrad dort und entschied mich, für eine Weile öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Die U-Bahn kostete 40 Rubel (160 Yen) für ein 10er-Ticket. Jedes Mal, wenn man die Schranke passierte, konnte man beliebig weit fahren – eine Fahrt ist eine Fahrt, unabhängig von der Entfernung. Jede Station hatte eine andere Gestaltung von Decke und Wänden, es war wie ein Museum. Ich stieg bei jeder Station aus, um die Gestaltung der Wände und Decken zu genießen. Die Rolltreppen waren außergewöhnlich lang – auf einer einzigen Rolltreppe ging es etwa 100 Meter tief unter die Erde. Am Fuß jeder U-Bahn-Rolltreppe gab es eine Überwachungskabine, in der eine uniformierte Frau saß und die Sicherheit überwachte.

 Als ich auf dem Bahnsteig ein Video aufnahm, wies mich ein Passant darauf hin, keine Fotos zu machen. So etwas hatte ich seit meiner Ankunft in Russland noch nicht erlebt. Zur Sowjetzeit war die U-Bahn eine militärische Anlage, die auch als Luftschutzbunker diente – war Fotografieren damals verboten?

 Die Hauptstraßen Moskaus haben drei bis sechs Spuren und sind sehr breit. Dort fahren viele Luxuswagen aus Westeuropa wie Mercedes und BMW. Je weiter man kommt, desto seltener sieht man japanische Autos. In der Rushhour entstehen Staus. Nach Aussage des Chefredakteurs einer Motorrad-Fachzeitschrift gibt es bei einer Einwohnerzahl von 9 Millionen Menschen in Moskau etwa 4 Millionen Autos. Das Zentrum Moskaus ist eine schöne Stadt mit historischen Bauwerken, und die moderne Kleidung der Menschen zeugt von wohlhabendem Leben. Der Chefredakteur interviewte mich und lud mich am Wochenende zu sich nach Hause ein. Er wohnte in einer Villa etwa 30 km außerhalb Moskaus, mitten im Wald. In der Umgebung gab es viele ähnliche große Villen, die zwischen Bäumen verstreut waren. Es gab auch viele Neubauten – wie ein Bauboom. In Russland ist der Reichtum in Moskau konzentriert, und der Unterschied zur Provinz ist überall deutlich erkennbar. In seinem Fall hatten seine Eltern immer schon in dieser Gegend gelebt, und sein Vater war ein Regierungsbeamter. Rund um das Haus gab es weite Wiesen und Wälder, und man sah Menschen, die ihre Wochenenden mit Geländemotorrädern genossen – viele führten ein Leben voller Muße.

 Bevor ich Moskau erreichte, hatte ich Vorurteile – ich dachte, Moskau sei eine gefährliche Stadt. Das lag daran, dass die japanischen Medien über Unruhen in der Stadt berichtet hatten, nachdem Russland beim Fußball-Weltcup gegen Japan ausgeschieden war, und dass japanische Touristen angegriffen worden waren. Außerdem hatten mir Martin und seine Frau, ein Schweizer Paar, mit dem ich von Wladiwostok aus eine Zeit lang gereist war, gesagt, dass Moskau gefährlich sei und sie nicht dorthin gehen würden. Aber im Bereich, wo normale Bürger ihr tägliches Leben führten, spürte ich keine besondere Gefahr.

Von Russland nach Finnland

 Am 6. August verließ ich Moskau und fuhr durch die historischen Städte Nowgorod und Sankt Petersburg. Die Grenze zu Finnland war noch 150 km entfernt.

 Russen hatten mir erzählt, dass man in der touristisch überlaufenen Hochsaison im Juli und August etwa 6 Stunden an der Grenze warten muss. Um die Wartezeit tagsüber zu vermeiden, beschloss ich, in einem Hotel neben einer Tankstelle zu übernachten, etwa 10 km vor der Grenze. Ich erinnere mich, dass ich vor 35 Jahren, als ich versuchte, die Grenze von Finnland nach Russland zu überqueren, kaum jemanden sah, der die Grenze überquerte. Jetzt gab es riesige Einwanderungsbehörden und Zollanlagen, und von der damaligen Zeit war nichts mehr zu sehen.

 Am nächsten Morgen stand ich um 5 Uhr auf und verließ die Unterkunft, noch bevor es hell wurde. Tatsächlich warteten an der frühen Grenze nur etwa 10 Autos. Bei der Ausreise aus Russland muss man seinen Pass und das Zolldokument für das Motorrad vorlegen, das man bei der Einreise erhalten hatte. Dieses Dokument zu verlieren bedeutete, dass ich die Royal Star nicht aus Russland ausführen konnte. Das war der Grund, warum ich es an den Polizeikontrollpunkten unterwegs so viel wie möglich versteckt hatte. Wenn ein verwirrter Polizist es mir weggenommen hätte, hätte ich möglicherweise eines der Ziele dieser Reise – eine Grenzüberquerung – nicht erreichen können. Als ich das Zolldokument dem russischen Zollbeamten vorlegte, überprüfte er die Fahrgestellnummer, und die Ausreise aus Russland war damit erfolgreich abgeschlossen. Die Einreise nach Finnland war dagegen einfach. Ich brauchte kein Visum und es gab keine Motorradkontrolle. Ich war etwas besorgt, dass dies später bei der Ausreise Probleme verursachen könnte, also fragte ich, wie es mit der Zollanmeldung des Motorrads aussah. Man sagte mir, dass wenn es mein eigenes Motorrad sei, keine Formalitäten nötig seien – ich war überrascht. Am 10. August, 48 Tage nachdem ich von Wladiwostok aufgebrochen war, hatte ich bereits mehr als 10.000 km zurückgelegt.

2. August 2002. Im Juli und August sind die Grenzübergänge während der Touristensaison überlaufen, und die Wartezeit kann bis zu 6 Stunden betragen, hörte ich. Früh am Morgen, mit Sonnenaufgang, zur Grenze. Blick von der russischen Seite auf Finnland.

 Genau 35 Jahre zuvor, am selben 10. August, dachte ich daran, dass mir die Einreise in die Sowjetunion von Finnland aus abgelehnt worden war, obwohl ich ununterbrochen gefahren war – ich war sehr bewegt. Damals gab es für Japaner, die auf einem Motorrad fahren wollten, nur zwei Möglichkeiten: Mit dem Schiff nach Nordamerika fahren und von dort aus fahren, oder mit dem Schiff bis nach Indien fahren und die eurasische Landmasse durchqueren. Dass ich jetzt mit dem Schiff über das Japanische Meer nach Russland fahren und über die eurasische Landmasse bis nach Europa kommen könnte – das war damals ein unvorstellbarer Traum. Ich spürte erneut, wie lange diese 35 Jahre wirklich waren.

10. August 1967. Blick von der finnischen Seite auf die Sowjetunion. Es waren kaum Menschen auf dem Grenzübergang, es war sehr ruhig.

Ein Klassentreffen nach 35 Jahren

 Es war im Sommer 2001. Ich erhielt plötzlich eine Nachricht von meinem deutschen Freund Hermann Steiner, dass er ein Klassentreffen auf der Insel Man in England veranstalten wollte. Ich hatte Hermann kennengelernt, als ich im Winter und Sommer 1967 in einem kleinen Dorf in Süddeutschland mit etwa 100 Einwohnern war. Damals hielt ich mich in diesem kleinen Dorf auf und arbeitete als Holzfäller im Wald, um Geld für meine Reise zu verdienen. Hermann hörte von dem Motorradfahrer aus Japan, der im Dorf war, und besuchte mich aus einem benachbarten Dorf. Motorradfahrer kennen keine Grenzen. Später gesellten sich seine Freunde am Wochenende hinzu, und wir begannen, auf den kurvenreichen Waldstraßen zu fahren, die wie gemacht zum Motorradfahren waren. Wir genossen es, durch den Wald zu fahren, in dem Hirsche, Kaninchen und Eichhörnchen lebten, eins mit der Natur und dem Wind um uns herum.

 Im Mai kam es zu Gesprächen, zum World Grand Prix nach der Insel Man in England zu fahren. Ich verließ das deutsche Dorf. Ich überquerte den Ärmelkanal mit der Fähre, in Wales gesellten sich Hermanns Freund Haydn und mehrere andere Engländer zu uns, und wir fuhren über Liverpool zur Insel Man. Auf der Insel Man blieben wir auf einem Campingplatz und besuchten verschiedene Orte auf der Insel, während wir das World-GP-Rennen genossen.

 Danach hatten wir über mehr als 30 Jahre hinweg nur Weihnachtskarten ausgetauscht und uns nie persönlich getroffen. Von damaligen Gruppe waren bereits zwei Menschen verstorben. Hermann machte sich Sorgen, dass wenn wir nicht bald zusammenkämen, die Gelegenheit verpasst würde, und schlug daher ein Klassentreffen vor.

 Genau in dieser Zeit stand ich kurz davor, im Januar 2002 meinen 60. Geburtstag zu feiern und in den Ruhestand zu treten. Ich hatte lange davon geträumt, zu meinem 60. Geburtstag etwas zu tun, das ich als Angestellter nicht hätte tun können. Dies war eine großartige Gelegenheit. Ich zauderte nicht und antwortete sofort, dass ich unbedingt gehen wollte. Ich dachte, wenn es möglich ist, mit dem Motorrad, ansonsten mit der Transsibirischen Eisenbahn oder dem Flugzeug.

 Im Herbst 2001 kam eine konkrete Nachricht von Hermann. Das Klassentreffen sollte in der letzten Augustwoche, vom 25. bis 31. August, stattfinden, wenn das Manx Grand Prix Rennen läuft.

Insel Man

 Die Insel Man liegt zwischen England und Irland, hat einen Umfang von etwa 100 km und ist als Ferienort bekannt. Aufgrund ihrer hügeligen Topografie und einer maximalen Höhe von 620 m bietet sie eine herrliche Landschaft; die Hälfte der Landfläche wird landwirtschaftlich genutzt. Die Insel ist seit jeher auch für Motorradrennen berühmt.

 Die Insel verfügt über ein eigenes Parlament aus Ober- und Unterhaus, besitzt eigene Gesetze und gibt eine eigene Währung aus – das Pfund Sterling der Insel Man. Allerdings wird dieses auf dem britischen Festland nicht überall akzeptiert, daher ist Vorsicht geboten.

 Das Rennen auf der Insel Man wird auf einem etwa 60 km langen Kurs ausgefochten, für den Bundesstraßen gesperrt werden. Der Kurs ist äußerst abwechslungsreich und führt durch Wohngebiete, Geschäftszentren, Weideflächen und bergiges Gelände. Selbst wenn es in der Ebene sonnig ist, kann es in den Bergen neblig und regnerisch sein – auch das Wetter ist äußerst rau. Zudem sind die Streckenränder eng, mit vielen steinernen Mauern, was extrem gefährlich ist; ein Sturz führt leicht zu schwerem Unfall. Deshalb wurde das Formel-1-Motorradrennen seit Mitte der 1970er Jahre eingestellt. Heutzutage finden jeden Juni das TT-Rennen und jeden August die Manx Grand Prix statt, die viele Motorradfans anziehen.

 Nach der Durchquerung Russlands war ich mental tiefgreifend erfüllt, doch anscheinend hatte mein über 60-jähriger Körper seine Reserven aufgebraucht. Nach der Einreise in Finnland schleppte ich Müdigkeit mit mir herum. Ich machte zwei Tage in Helsinki und einen Tag in Estland Pause, danach ging es gemächlich weiter.

 Die baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen wirken nordeuropäischer als Russland, und überall an den Hauptstraßen sah man Werbetafeln für die EU-Mitgliedschaft. Da ich gemächlich vorangegangen war, wurde es eng für die Ankunft auf der Insel Man am 24. August. Die darauf folgenden vier Tage zwangen mich, jeden Tag über 500 km zu fahren.

 Von Polen aus fuhr ich nach Deutschland. Ostdeutschland wurde in diesem Sommer von Starkregen heimgesucht, und überall traten Flüsse über die Ufer. Die Autobahn war in erhöhter Lage gebaut und der Royal Star konnte problemlos fahren, doch Dresden war von Hochwasser der Elbe betroffen, die Stadt war überschwemmt – es war eine katastrophale Situation.

Endlich an Land

 Am 24. August setzte ich von Calais in Frankreich mit der Fähre über den Ärmelkanal über und kam über London in Liverpool an. Von dort sollte die Fähre zur Insel Man nach Douglas um 18 Uhr ablegen, aber die Abfahrt verzögerte sich immer wieder, bis es nach Mitternacht war. An Bord ruhte ich mich auf einem Sitz in der Kabine aus, und ich verließ die Fähre in Douglas gegen 3 Uhr morgens.

 Der Ort, wo ich mich mit Hermann verabredete, war der Campingplatz Glen Dhu Farm in Hilberry, wo ich 35 Jahre zuvor übernachtet hatte. Hermann hatte mir mitgeteilt, er würde mich vom Flughafen abholen, ich sollte nur meine Flugnummer mitteilen. Ich antwortete, dass ich den Campingplatz kenne, wo ich früher übernachtet hatte, und selbst hinfahren könne. Er hätte nicht gedacht, dass ich mit dem Motorrad durch Russland fahren würde. Während ich mir sein jugendliches stauntes Gesicht von damals vorstelle, als er erfuhr, dass ich aus Japan mit dem Motorrad gekommen war, fahre ich die mir vertraute Strandstraße von Douglas hinauf und dann den Hügel der Stadt Onchan hinauf.

 Mit den Erinnerungen von vor 35 Jahren und einer Karte versuchte ich, den Platz zu finden, aber es gab jetzt mehr Ferienhäuser, und das Schild war schwer zu finden. Ich schaffte es, gegen 4 Uhr morgens auf den Campingplatz zu gelangen. Viele Zelte standen in stiller Reihe. Ich schaltete den Motor der Royal Star aus und schaute mich im Mondlicht um. Zu meiner Überraschung sah der Campingplatz genauso aus wie vor 35 Jahren. Ich suchte ruhig einen freien Platz, lud mein Gepäck ab, spannte mein Zelt auf, schlüpfte in meinen Schlafsack und streckte Arme und Beine kräftig aus. Ich dachte, es gäbe kein größeres Glück.

Campingplatz Glen Dhu Farm auf der Insel Man, wo ich eine Woche verbrachte. Ich spannte mein Zelt am gleichen Ort auf wie vor 35 Jahren.

 Nach einiger Zeit schlief ich ein und wachte um 8 Uhr morgens auf. Als ich aufstand und mich umsah, bereiteten überall Menschen ihr Frühstück zu. Die Person, die neben mir ihr Zelt aufgespannt hatte, sprach mich an und schenkte mir einen warmen Tee. Er erzählte mir, dass gestern ein Deutscher einen Japaner suchte und dass dieser Japaner definitiv ich sein müsse. Er zeigte mir, dass es einen Parkplatz in der Mitte des Campingplatzes gibt und dass dieser Deutsche in einem der drei Zelte auf der anderen Seite des Parkplatzes wohnt. Er sagte auch, wenn ich laut rufe, wird er sofort herauskommen. Ich hätte das sofort gerne getan, aber das hätte auch andere geweckt. Ich unterdrückte meine Aufregung und beschloss zu warten. Nachdem ich mich für den Tee bedankt hatte, ging ich spazieren, um mir den ganzen Campingplatz anzusehen. Da kam aus einem der drei Zelte ein Mann heraus, der Hermann ähnlich sah. Hermann hatte als junger Mann einen Motorradunfall gehabt und seine Beine waren 3 cm unterschiedlich lang, daher hatte er einen charakteristischen Gang. Sein Haar war dünner geworden, aber sein Gang war unverwechselbar. Es war wirklich Hermann.

„Hermann!“ rief ich unwillkürlich laut.

„Sigel!“ antwortete er.

 Wir näherten uns einander und gaben uns einen festen Händedruck. Für eine Weile konnten wir beide nicht sprechen.

 Ich erzählte ihm, dass ich von Wladiwostok aus mit dem Motorrad durch Russland gefahren war und dass die Fähre verspätet war, daher bin ich früh am Morgen hier angekommen. Mit freudigen Tränen in den Augen freute er sich. Als ich sein glückliches Gesicht sah, wurde mir erneut bewusst, dass ich mit dem Motorrad recht hatte, zu kommen, und Freude stieg in mir auf.

 Am Abend desselben Tages holten wir beide einen Tag später eintreffenden Briten namens Hayden am Hafen ab. Es war die gleiche Verbindung wie gestern, aber auch diese verspätete sich um zwei Stunden und kam um 22.30 Uhr an; die Wiedersehen im Hafen fanden in der Dämmerung statt. Haydens Haar war fast rasiert und ergraut, aber sein Gesicht war unverändert wie früher. Ich erkannte ihn sofort. Hayden fuhr früher Norton, diesmal aber BMW. Hermann dagegen fuhr früher BMW, fährt aber jetzt eine Yamaha TR1 – und wie sich herausstellte, besitzt er sogar drei TR1er. Das zeigt sein großes Vertrauen in das Modell. Vor 35 Jahren war Hermann jedes Mal auf der Autobahn auf meinen 250er YDS-III deutend und sagte, ein Motorrad, das nicht 180 km/h fährt, ist kein Motorrad – er war äußerst kritisch gegenüber japanischen Motorrädern. Wie sehr sich die Dinge doch ändern! Inzwischen ist er verfallen in japanische Bikes.

Die drei von vor 35 Jahren. 10. Juni 1967. Damals schauten wir uns die Formel-1-Grand-Prix an, die heute wegen Gefährlichkeit abgesagt sind. Hermann ist der dritte von links. Hayden der vierte.
Humber von 1914. Mit Riemenantrieb und ohne Kupplung. Von allen funktionsfähigen Motorrädern, die ich auf der Insel Man traf, war es das älteste. Der Besitzer war im gleichen Campingplatz zu Gast.
Brough Superior von 1924. Der Besitzer war ein Brite, der im gleichen Campingplatz zu Gast war. Das Leerlaufgeräusch und die Bewegung der außenliegenden Ventilfedern sind wahrlich ein Kunstwerk.
30. August, zwischen den Regenschauern verabschiedete ich mich vom Campingplatz Glen Dhu Farm, umgeben von Freunden, die ich dort gewonnen hatte.
Hauptstraße in Douglas an der Strandstraße, dem Haupteingang der Insel Man. Von links: Yoshida, Hermann, Hayden.
Der höchste Punkt des etwa 60 km langen Rennkurses auf der Insel Mans öffentlichen Straßen auf 600 m Seehöhe.

Fortsetzung Teil 4: Eine Reise durch 200 Jahre Motorradgeschichte in Europa

(Separate Ausgabe Motorcyclist, April 2004)

Große Willkommensfeier bei Yamaha Motor Europe (YMENV). Der Mitarbeiter Rudi brachte das gleiche Modell YDS-III mit, das ich beim letzten Mal benutzt hatte, speziell für ein Erinnerungsfoto.

Zeitsprung

 Die Isle of Man TT ist an trainingsfreien Tagen für Testfahrten auf der Rennstrecke freigegeben, daher fuhren wir drei überall auf der Insel herum und verfolgten alte Erinnerungen nach. Wir kletterten auf die Steinmauer oberhalb des Mountain Course, wo wir das Weltmeisterschaftsrennen gesehen hatten, und aßen in der Creg ny Baa, wo wir vor 35 Jahren schon einmal gegessen hatten. An der Küstenstraße entlang der Douglas Bay sahen wir klassische Motorräder, die aus verschiedenen europäischen Ländern zusammengeströmt waren, und hörten den Besitzern beim Angeben über ihre Schätze zu.

 Auch auf dem Campingplatz, auf dem wir übernachteten, gab es überraschenderweise Besitzer sehr alter Motorräder. Ein Humber von 1914 und ein Brough Superior von 1924 – beide fuhren noch und liefen tatsächlich noch. Die ganze Isle of Man ist wie ein Museum. Entlang der Küstenstraße fahren Straßenbahnen, genau wie vor 35 Jahren.

 Auf dem Campingplatz schliefen wir eine Woche lang im Zelt und Schlafsack, aber seltsamerweise schliefen wir ausgezeichnet, und die Müdigkeit, die wir aus Russland mitgeschleppt hatten, war völlig weg.

 Die Fähre zurück von der Isle of Man war vollkommen überlastet. Die einzige Buchung, die wir bekamen, war für einen Sonderkurs am 31. August um 4 Uhr morgens.

 Der Regen, der am 29. eingesetzt hatte, ließ erst am Abend des 30. nach. Da wir nicht wussten, wie sich das Wetter danach entwickeln würde, beschlossen wir, das Zelt sofort abzubauen, zum Hafen von Douglas zu fahren und im Wartezimmer der Fähre zu dösen. Die ersten vier Tage waren auf der Isle of Man ungewöhnlich sonnig gewesen und wir hatten viel Glück mit dem Wetter gehabt, also mussten wir uns am letzten Tag eben ein bisschen Regen gefallen lassen.

 Als wir um 19 Uhr ins Fährterminal gingen, warteten schon viele Menschen dort. Wir sicherten uns einen freien Platz und verbrachten eine schlaflose Nacht, aber die Fähre um 4 Uhr morgens verließ sich um weitere 3 Stunden und legte tatsächlich erst um 7 Uhr morgens, als es schon hell war, ab. Um in England zu leben, braucht man wirklich viel Geduld.

 Die Woche auf der Isle of Man war wie ein Zeitsprung – wir vergaßen unser Alter und kehrten in das Jahr 1967 zurück. England ist eine Steinkultur, und das ist auch eine Kultur, die Dinge zu schätzen weiß. Es war überraschend, dass der Campingplatz sich in 35 Jahren nicht verändert hatte, aber wenn man die ganze Insel betrachtet, gab es zwar mehr Häuser, aber die alten wurden noch immer liebevoll gepflegt, und die Steinmauern auf beiden Seiten der Wege waren völlig gleich.

 Dort trafen wir Motorradkameraden wieder, die wir 35 Jahre nicht gesehen hatten, und die Woche, die wir zusammen verbrachten, war wie eine Rückkehr in unser damaliges Alter von 25 Jahren. Wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen, aber solange wir gesund sind, werden wir uns bestimmt sehen – und auf diesen Moment freuten wir uns, als wir die Isle of Man verließen.

Eine Ein-Pfund-Note der Isle of Man, etwa 200 Yen wert. In der Mitte das bekannte Wappen der Isle of Man, auf der rechten Seite das junge Porträt von Königin Elisabeth. Achtung: Es gibt Geschäfte außerhalb der Isle of Man, die diese Note nicht akzeptieren.

Der Eurotunnel

 Am 2. September überquerten wir die Straße von Dover vom Vereinigten Königreich nach Frankreich durch den Eurotunnel.

 Im Eurotunnel kann man nicht mit dem Auto oder Motorrad durchfahren. Nur Züge fahren im Tunnel, und man belädt damit eine Güterwagen-Ladung mit dem Motorrad oder Auto, steigt selbst auch in den Güterwagen und fährt so mit über den Kanal.

 Am Schalter kaufte ich ein Ticket für 92,50 Pfund (etwa 18.000 Yen). Ich folgte den Signalen und fuhr zur Rampe, wo ein großer silberner Güterwagen stand.

 Der Güterwagen hatte eine breite Öffnung an der Seite, und als ich die Royal Star hineinfahren wollte, war die Zwischenwand des Güterwagens offen und führte nach vorne – der Güterwagen selbst sah aus wie ein Tunnel. Personal stand an wichtigen Stellen im Güterwagen und gab Anweisungen, so dass Autos und Motorräder ordnungsgemäß nach vorne fuhren.

 Der Güterwagen war weniger als halb voll, aber die Zwischenwände zwischen den Güterwagen schlossen sich, und nach kurzer Zeit begann die Fahrt. Dieser Zug hatte keine Passagierkabine – wir verbrachten die Fahrtzeit auf dem Motorrad stehend. Es gab noch vier andere Motorradreisende, die auch auf ihren Motorrädern saßen oder daneben standen. Bei Autos saßen die Leute in ihren Fahrzeugen.

Der Eurotunnel ist eine Zugstrecke mit Güterwagen und Personenkabinen – keine Straße. Motorräder und Autos fahren mit den Leuten drin in die Güterwagen.

 Der Zug erreichte in etwa 25 Minuten den Bahnhof in Calais, Frankreich. Die Fähre, mit der ich zur Isle of Man fuhr, kostete 124,50 Euro (etwa 14.000 Yen) und war damit etwas billiger als der Eurotunnel.

 Nach der Überquerung der Straße von Dover fuhren wir von Calais aus auf der Autobahn A26 in Richtung Paris, etwa 250 km weit. Dies war unsere erste gebührenpflichtige Straße in Europa. Die Gebühr für 250 km betrug 10 Euro (etwa 1.200 Yen) – nur etwa ein Viertel dessen, was man auf der Tohoku Expressway in Japan zahlen würde, sehr günstig. Dennoch sagte Hermann, der Deutsche, der die kostenlosen Autobahnen gewohnt war, „Die französischen Autobahnen sind teuer“, fuhr mit der Fähre direkt von England in die Niederlande, um Frankreich zu vermeiden, und fuhr dann nach Deutschland zurück.

 An diesem Tag übernachteten wir in einem Hotel in einem Rastplatz an der Autobahn. Europa hat viele solcher Hotels, daher brauchen wir nicht in der Stadt herumzufahren, um ein Hotel zu suchen – sehr praktisch.

Die gestrichelte Route ist die Route, die wir in der vorherigen Ausgabe von Polen über Deutschland zur Isle of Man fuhren, mit Stops bei VW und Yamaha Motor Germany. Die durchgezogene Route ist die Route, die wir nach der Abreise von der Isle of Man durch Westeuropa fuhren. Europa wird im September richtig herbstlich, morgens und abends wird es kühl.

Ein unerwarteter herzlicher Empfang

 Am 3. September trafen wir uns wie verabredet mit Moritomo, dem Yamaha-Frankreich-Repräsentanten, am Flughafen Charles de Gaulle und folgten seinem Auto 30 km weit zu Yamaha France.

 Als ich meine Royal Star vor dem Haupteingang parkte und die Tür öffnete, begrüßte mich Olivier, der Präsident von Yamaha France! Dahinter wartete die gesamte Belegschaft und empfing mich mit begeistertem Applaus. Ich war überrascht von diesem herzlichen Empfang.

Herzlicher Empfang bei Yamaha Motor France (YMF). Präsident Olivier ist ein alter Freund, den ich seit unserer ersten Weltreise vor 37 Jahren bei Sonata (dem Vorgänger von YMF) kenne, und er freute sich besonders.

 Mit Olivier verbinde mich alte Freundschaft seit unserer letzten Weltreise.

 Nachdem Olivier mich den Mitarbeitern vorgestellt hatte, trug ich die Reiseroute auf einer vorgefertigten Karte ein und berichtete über bisherige Reiseerlebnisse. Dann übergab mir Olivier zum Andenken einen wunderschönen Schild und ein farbiges Titelblatt des alten französischen Motorradmagazins Moto Revue in einem eleganten Rahmen vor allen Mitarbeitern. Das Titelbild zeigt mich vor 35 Jahren bei meinem Besuch in Paris mit meinem Motorrad (YDS-Ⅲ), und ich dankte Olivier von Herzen, dass er dieses Magazin all die Jahre bewahrt hatte.

Bericht über die Russland-Durchquerung vor den Mitarbeitern von YMF
Ich nahm von Präsident Olivier vor den YMF-Mitarbeitern den Ehrenpokal entgegen

 Danach hoben alle Mitarbeiter ihre Gläser Champagner zum Anstoß. Olivier selbst war eine erstklassiger Fahrer, der selbst am berüchtigten Rallye Dakar teilgenommen hat und mehrfach Top-Platzierungen erreichte, und hat großen Beitrag zur Entwicklung des französischen Motorsports geleistet. Noch heute, als Präsident, benutzt er das Motorrad zum Pendeln zur Arbeit, und wenn ein neues Modell herauskommt, führt er persönlich die Testfahrten an und nimmt die Mitarbeiter mit – er stellt den Wert des Motorradfahrens an erste Stelle.

 Nach dem Empfang erzählte mir Olivier bei einem gemeinsamen Mittagessen von seiner tiefen Leidenschaft für Motorräder.

 Damit alle Mitarbeiter immer voller Elan ihre Arbeit angehen, muss der Geschäftsführer selbst ständig den Pioniergeist bewahren. Dafür nutzt er auch für seinen Arbeitsweg das Motorrad, und sobald ein neues Modell auf den Markt kommt, nimmt er seine Mitarbeiter mit zu Probefahrten. So belebt er sich selbst auf und vermittelt seinen Mitarbeitern den Pioniergeist. Als ich heute ankam, versammelte er alle Mitarbeiter zur Begrüßung – das tat er, wie er mir sagte, um ihnen den Pioniergeist nahe zu bringen und mit ihnen zu teilen.

Der Royal Star vor dem YMF. Abgesehen von den Nebelscheinwerfern, die bei einem Sturz in Sibirien abgerissen wurden, ist er in gutem Zustand.

 Danach besuchte ich Yamahas Auslandsfabriken und Vertretungen in Saint-Quentin in Frankreich und Amsterdam in den Niederlanden, wo wir einen ebenso herzlichen Empfang erhielten wie bei Yamaha France.

Wiedersehen nach zwei Jahren mit dem Ehepaar Rob & Daphne, das die Yamaha Communication Plaza im Jahr 2000 besuchte
Das Ehepaar Rob & Daphne und Daphnes Eltern
Das Team von Yamaha Motor Germany (YMG). Der Zweite von links ist der Vorstandsmitglied Bayer. Wir sind Freunde seit unserer gemeinsamen Weltreise vor 37 Jahren.

Besuch in einem Museum über 200 Jahre Zweiradgeschichte

 Am 11. September fuhr ich mit dem Motorrad zur Reederei in Zeebrügge, Belgien, um es auf ein Schiff nach die Ostküste Amerikas zu laden. Das Schiff sollte am 14. September auslaufen, über den Atlantik fahren und zehn Tage später, am 23. September, den Hafen von Newark in New Jersey erreichen. Ich beschloss, am 23. September von Amsterdam nach Newark zu fliegen.

 Bevor ich Amsterdam verließ, hatte ich noch 11 Tage Zeit. Ich wollte so viele Museen wie möglich in Deutschland besuchen und Informationen zur Zweiradgeschichte sammeln. Das war ein Plan, den ich schon vor meiner Abreise aus Japan gefasst hatte – ich wollte in Europa, wo die Zweiradgeschichte lang ist, so viele Informationen wie möglich sammeln.

 Ich lieh mir bei Yamaha Europe in Amsterdam eine FJR1300, mit der man die Autobahn bequem befahren kann, und machte mich mit ihr auf, die Museen zu besuchen. Die Sitzposition der FJR1300 hat, selbst in meinem Alter, eine angenehme leichte Vorlage, die bei langen Fahrten nicht zu Rückenschmerzen führt. Das verstellbare Windschild, das je nach Geschwindigkeit angepasst werden kann, trägt zusätzlich zum Komfort bei. Auf der Autobahn konnte ich stabil mit 150 bis 200 km/h fahren – sehr angenehm.

Am 11. September schickte ich meinen geliebten Royal Star zur Ostküste Amerikas. Deshalb lieh ich mir von YMENV eine FJR1300. In 10 Tagen fuhr ich etwa 3000 km durch die Niederlande und Deutschland, um Museen zu besuchen.

 Bei dreispurigen Autobahnen fließt der Verkehr mit erstaunlichen Geschwindigkeiten: die rechte Spur für Langsamfahrer, hauptsächlich von Lastkraftwagen benutzt, mit 100–110 km/h; die mittlere Spur mit 130 km/h und mehr; und die linke Überholspur mit 180 km/h und mehr. Mit meinem vollgepackten Royal Star war ich froh, wenn ich es auf 130–140 km/h schaffte, um auf der mittleren Spur zu fahren – das war dort aber eine langsame Geschwindigkeit, und ich musste ständig auf den Hinterkverkehr achten. Im Vergleich dazu war die FJR1300 unglaublich komfortabel.

 Zunächst besuchte ich das NSU-Zweiradmuseum in Neckarsulm, einer Stadt an der Mündung der Neckar und der Iller in der Nähe von Heidelberg. Der Eintritt kostet 4 Euro für Erwachsene (etwa 500 Yen). Das Museum ist in einem Schloss aus dem 14. Jahrhundert untergebracht, das zeigt die deutsche Wertschätzung für alte Dinge.

Das Zweiradmuseum in Neckarsulm (NSU) in Deutschland. Es zeigt die Geschichte des Zweirades von den Anfängen bis zur Gegenwart auf verständliche Weise. Es war das beste Zweiradmuseum, das ich je gesehen habe. Übrigens soll das Ursprungsmodell des Zweirades aus der Zeit um 1791 sein – ein Spielzeugpferd ähnlich.

 Drinnen erwarteten mich über 350 reiche Ausstellungsstücke und verschiedene Materialien zur Zweiradgeschichte der Welt. Die europäische Zweiradgeschichte begann mit dem Laufrad – ohne Lenkung und ohne Pedale – das in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der Frühen Industrialisierung, erfunden wurde. Die Ausstellung des NSU-Zweiradmuseums ist zwar schlicht, aber langweilig wird es nicht – es gibt Simulatoren, auf denen man fahren und die Dinge anfassen kann.

NSU-Zweiradmuseum. Holz-Zweirädchen aus dem Jahr 1817, Trettyp mit Lenkung

 Der Höhepunkt ist ein Fahrrad aus den 1870er Jahren mit einem Vorderrad von 2 Metern Durchmesser. Man kann darauf sitzen und sogar fahren. Dieses NSU-Zweiradmuseum stellt die Geschichte des Zweirades von den Anfängen bis zur Gegenwart dar und ist das beste Zweiradmuseum der Welt.

NSU-Zweiradmuseum. Das erste in Serie gefertigte Motorrad der Welt, aber aufgrund von Mängeln wieder verschwunden. Man sieht auf Anhieb, dass die Rahmengestaltung fehlerhaft ist.

Die Museen von Benz und BMW

 Etwa 100 km südlich von Neckarsulm liegt Stuttgart. Dort befinden sich der Hauptsitz und die Fabrik von Mercedes-Benz – und das Museum.

 Mit dem Motorrad konnte ich nicht bis zum Museumseingang fahren, also nutzte ich den kostenlosen Shuttlebus vom Museum, der von einer Bushaltestelle außerhalb des Fabrikgeländes abfährt. Der Bus mit der Aufschrift „Mercedes-Benz Museum“ fährt durchs Fabriktor, durch das Gelände hindurch und hält vor dem Museum. Das Museum liegt mitten auf dem Gelände des Fabrikhauptquartiers. Der Eintritt ins Museum ist frei. Für die Besucherführung stehen Kopfhörer in fünf Sprachen zur Verfügung – auch die Führung auf Japanisch kann kostenlos ausgeliehen werden.

 Das erste, das ins Auge fällt, ist ein Zweirad mit Holzrahmen und Motor. 1885, noch vor dem Vierrad, wurde dieses Zweirad entwickelt, und von hier beginnt die Geschichte von Benz.

 Das Museumsgebäude wirkt schlicht, aber die Ausstellung ist beeindruckend. Neben den hauptsächlich vierspurigen Fahrzeugen gibt es auch Flugzeusmotoren und Schiffsmotoren zu sehen. Besonders bemerkenswert war ein Mercedes-Benz 770 aus dem Jahr 1935 mit dem kaiserlichen Chrysanthemen-Wappen – der wunderschöne burgunderrote Wagen, den Kaiser Showa benutzte.

 Etwa 300 km östlich von Stuttgart liegt München, wo sich der BMW-Hauptsitz und das Museum befinden. Das Museum ist in einem modernen Gebäude in Schalenform neben dem hochmodernen Verwaltungsgebäude untergebracht.

 Ich ging durch die Eingangstür und suchte nach der Rezeption, aber es war niemand da. Ich sah mir eine Weile den Shop an, und es schien, dass ein gemeinsames Team die Rezeption, den Shop und den Snack-Bereich betreut – wenn es viel los ist, reicht das Personal nicht für die Rezeption. Nach einer Weile kam dann jemand zur Rezeption und half mir weiter, aber dass die Rezeption anfangs unbesetzt war, machte keinen guten ersten Eindruck. Ich verstehe, dass es aus Effizienzgründen so geregelt ist, aber es wirkt nicht gerade freundlich.

 Der Eintritt kostet 3 Euro (etwa 360 Yen), die Schließfach-Kaution 5 Euro (etwa 600 Yen). Diese wird zurückerstattet, wenn man den Schlüssel abgibt. BMW ist unter den deutschen Vierrad-Herstellern das einzige Unternehmen, das aktiv Zweiräder entwickelt und herstellt und sie weltweit verkauft.

 Während ich die Ausstellung in einer spiralförmigen Rampe hinauf betrachte, gibt es oben ein Theater mit etwa 200 Plätzen. Nach dem Besuch kann man in der obersten Etage auf eine lange Rolltreppe steigen und zurück zur Rezeption in der ersten Etage fahren. Die moderne Ausstellung des BMW-Museums passt zu seinem modernen Aussehen von außen – viele Simulatoren sorgen dafür, dass es nicht langweilig wird, und ich war begeistert von den innovativen Ideen, in die offenbar viel Geld geflossen ist.

BMW-Museum München. R32, hergestellt 1923–1926. 194 cm³ horizontal-gegenläufige Zweizylinder, 8,5 PS/6 kW, 3300 U/min, Höchstgeschwindigkeit: 95 km/h, Antrieb: Kardanwelle

 Passenderweise fand gerade die „Intermoto“, Deutschlands größte Zweiradmesse, in München statt. An einem Ort, der größer zu sein scheint als der Platz der Tokyo Motor Show in Makuhari, waren Zweiräder aus aller Welt sowie Teile und Zubehör ausgestellt. Auch hier zeigte der lokale BMW wieder großen Schwung und unterhielt die Besucher mit einer etwa 15-minütigen Show auf seinem Messestand.

 In den letzten etwa 40 Jahren haben vier japanische Unternehmen die Zweiradbranche weltweit angeführt, doch auf dieser Reise habe ich deutlich gespürt, dass Amerika und Europa wieder an Kraft gewinnen. Auch der Aufstieg von Motorradherstellern aus China und Korea ist bemerkenswert. Ich bin der Ansicht, dass japanische Hersteller ihre technische Überlegenheit auf keinen Fall aufgeben dürfen. Weltweit betrachtet ist die Zweiradbranche vital und bietet noch großes Wachstumspotenzial. Angesichts wachsender Umweltanforderungen wird die Rolle des Zweirades mit seinem größten Vorteil – der Leichtgewichtigkeit – noch an Bedeutung gewinnen.

Überrascht vom Kundenservice von Volkswagen

 Auf der Autobahn zwischen Berlin und Hannover liegt die Stadt Wolfsburg mit der Fabrik und Zentrale von Volkswagen (im Folgenden VW) sowie dem Themenpark „Autostadt“, der größer ist als viele Museen.

 Um die Geschichte zu ergänzen: Wolfsburg und das bereits erwähnte Neuss waren Orte, an die ich auf dem Weg zur Isle of Man mit der Royal Star hielt, wie in der vorherigen Ausgabe berichtet.

 Der Themenpark „Autostadt“ verfügt über ein Museum, Erlebnisstationen für Kinder und Erwachsene sowie eigenständige Ausstellungsräume aller VW-Konzernmarken einschließlich Audi. Etwa 1200 Mitarbeiter arbeiten dort, und das Hauptziel besteht darin, Käufer von VW-Produkten herzuladen und ihnen VIP-Behandlung zuteil werden zu lassen.

 Nachdem ich den Royal Star auf dem Parkplatz abgestellt hatte, fielen mir zuerst zwei hohe, vollständig verglaste Gebäude ins Auge. Darin sind 800 Neufahrzeuge, die von Kunden bereits gekauft und zur Abholung bereit stehen, eng gelagert. Im Eingangsbereich dreht sich ein großer Globus aus der Hand von Ingo Günther in der Mitte einer geräumigen Lobby mit einer Rezeption. Derzeit kommen etwa 40 Prozent aller Käufer her, um ihre Fahrzeuge abzuholen. Das liegt daran, dass Kunden, die zur Zentrale kommen, neben einer Rabattierung der Transportkosten von der Zentrale zum Händler auch die VIP-Behandlung in der Autostadt erhalten.

 Neben den beiden vollständig verglasten Gebäuden steht ein sauberes, dreistöckiges, zylinderförmiges Gebäude, in dem die Fahrzeuge tatsächlich an die Käufer übergeben werden. In der Mitte des Gebäudes befindet sich ein für die Öffentlichkeit nicht zugänglicher Bereich, in dem die Neufahrzeuge einer sorgfältigen Endabnahme unterzogen werden, bevor sie an die Kunden übergeben werden.

 Bei meinem Besuch sah ich auf einer elektronischen Anzeigetafel den Namen eines Käufers, und ich beobachtete, wie Mitarbeiter einem Kunden freundlich sein gekauftes Fahrzeug erläuterten.

 Angesichts dieser großartigen Einrichtungen und dieser Haltung konnte ich deutlich VWs großen Ehrgeiz spüren, durch umfangreiche Kapitalinvestitionen und den Einsatz vieler Mitarbeiter Kundenzufriedenheit an die erste Stelle zu setzen. Gleich daneben befindet sich das Luxushotel Ritz-Carlton, das ebenfalls VWs Image zu verbessern scheint.

 Im VW-Museum waren Zweiräder von DKW ausgestellt. DKW war in den 1920er Jahren der erfolgreichste Motorradhersteller der Welt. VW ist Nachfolger zweier Motorradhersteller: DKW und NSU, das in den 1950er Jahren führend war. Wie BMW hat also auch VW das Erbe einer ruhmreichen Zweirad-Tradition in seinen Adern fließen.

Letzte Folge der Serie: Über schneebedeckte Rocky Mountains zum Ziel

(Beiblatt Motorcyclist, Mai 2004)

Von Vancouver aus fuhren wir nach der Einreise in die USA durch Washington und Oregon und gelangten dann nach Kalifornien. Die Kälte Kanadas war längst vergessen – das Herbstwetter war herrlich zum Motorradfahren.

Ankunft an der amerikanischen Ostküste

 Am 23. September verließ ich den Flughafen Schiphol in Amsterdam, Niederlande, frühmorgens um 8.20 Uhr und sagte Europa Lebewohl.

 Um 10.30 Uhr kam ich in Newark an, einer Stadt neben New York auf der Ostküste der USA. Der Flug dauerte zwar tatsächlich sieben Stunden, aber durch die fünfstündige Zeitverschiebung war dies das Ergebnis.

 Da ich Newark lange nicht besucht hatte, wollte ich schnellstmöglich ankommen, um ein Hotel für die Nacht zu buchen und die Reederei zu kontaktieren, um zu erfahren, wo sich der Royal Star befand. Gleich nach der Ankunft in der Lobby rief ich ein nahe gelegenes Hotel an, und sofort schickten sie einen Shuttle-Bus. Amerika macht wirklich alles sehr bequem. Um 13.00 Uhr war ich eingecheckt. Ich rief sofort bei der Reederei an – das Schiff war bereits angekommen, und die Ladung würde heute noch gelöscht, sodass ich das Motorrad morgen abholen könnte. Zwischen dem Hotel und dem Flughafen liegt östlich der Hafen von Newark – wirklich sehr praktisch in der Nähe. Die Reederei gab mir eine Ankunftsanzeige (Bill of Lading) und wies mich an, die Zollformalitäten selbst zu regeln, und gab mir die Adresse des Zolls sowie den Hinweis, ab 10.00 Uhr vorbei zu kommen.

 Am nächsten Tag fuhr ich mit den erforderlichen Dokumenten per Taxi zum Zoll und suchte das Zollschalter auf, hinter dem drei korpulente schwarze Frauen saßen. Ich kam um 9.30 Uhr an. Es war noch früh, und eine der Frauen trank Kaffee und aß einen Donut. Nachdem ich einer von ihnen erklärte, dass ich mein Motorrad verzollen wollte, bereitete sie anhand meines Passes und der Registrierungspapiere des Royal Star die erforderlichen Formulare vor, stempelte sie mit einem beeindruckenden Zollsiegel und erledigte alles in etwa 15 Minuten. Das war unvergleichlich schneller als die drei Tage, die ich in Wladiwostok gebraucht hatte.

 Etwa fünf Minuten mit dem Auto entfernt liegt der Lagerplatz der Reederei am Hafen, und gleich neben dem Tor konnte ich den bereits vom Schiff entladenen Royal Star sehen. Nachdem ich die Papiere, die der Zoll vorbereitet hatte, in der Bürobox zeigte, überprüften die Arbeiter die Fahrzeugnummer mit dem Royal Star – alles war in Ordnung. Ich befestigte die internationalen Kennzeichen, die ich vor dem Versand abgebaut hatte, wieder und verließ den Lagerplatz. Zuerst fuhr ich zu einer Tankstelle und tankte auf. Vier Gallonen (etwa 15,2 Liter) kosteten 6 Dollar (etwa 720 Yen). In Amerika kostet Benzin 40–50 Yen pro Liter, also ein Drittel bis ein Viertel des europäischen Preises.

 Nachdem ich den Royal Star der Reederei in Zeebrugge, Belgien, übergeben hatte, konnte ich ihn in nur etwa zwei Wochen über den Atlantik und an der amerikanischen Ostküste abholen – eine erstaunliche Leistung. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass das Motorrad nicht verpackt werden musste. Das Anfertigen einer maßgearbeiteten Holzkiste braucht schon fast eine Woche, und das Verpacken verursacht zusätzliche Kosten. Die Reederei, die ich benutzte, verfügt über spezialisierte Autotransportschiffe, sodass sie das Motorrad ungeverpackt laden konnte.

Besuch bei Ground Zero

 Am Nachmittag überprüfte ich das Motorrad etwa zwei Stunden lang und bereitete mich auf die Durchquerung des amerikanischen Kontinents vor. Von hier in Newark bis Manhattan in New York ist es nur einen Katzensprung entfernt, nur der Hudson River trennt die beiden. Vor 37 Jahren hielt ich mich etwa vier Monate in Manhattan auf und arbeitete in einem Kaufhaus, um Waren aus dem Lager zum Verkaufsschalter zu transportieren und so Reisegeld zu verdienen. Damals fuhr ich mit einer YDS-III in der Gegend um Greenwich Village auf der Manhattan-Seite herum, nachdem ich den Hudson River durch den Holland Tunnel überquert hatte.

 Ich nutzte die Gelegenheit auch zu einer Überprüfungsfahrt und besuchte Ground Zero in Manhattan. Dies ist der Ort, an dem am 11. September 2001 das World Trade Center durch den berüchtigten Terroranschlag vom 11. September zerstört wurde – ein Ort, den ich mir vorgenommen hatte, als erstes nach meiner Einreise in die USA zu besuchen. Ich fuhr auf der Highway 9 vom Hotel aus und steuerte den Holland Tunnel unter dem Hudson River an. Die Straße war schmal und der Belag beschädigt, was mich an die Zeit vor 37 Jahren zurück versetzte. Auch die Atmosphäre hatte sich kaum verändert. Obwohl es erst 15 Uhr war, staute sich der Verkehr dicht an dicht und wurde immer dichter. An der Tunneleinfahrt zahlte ich 5 Dollar (etwa 600 Yen) – und schon war ich in Manhattan. Hier gab es bereits vor 37 Jahren das World Trade Center und daneben eine Fülle von anderen Wolkenkratzern wie das Empire State Building. Damals war ich überwältigt davon, wie der Wohlstand Amerikas sich mir zeigte.

 Ich parkte die Royal Star am rechten Rand der Fahrbahn und stand wie erstarrt da. Das World Trade Center existierte nicht mehr. Das Fehlen von etwas, das dort hätte stehen sollen, war ein gewaltiger Schock. Wenn ich daran dachte, dass hier über 3000 Menschen ihr Leben verloren hatten, wurde mir bewusst, dass der Terrorismus keine ferne Angelegenheit ist. An den umstehenden Gebäuden waren noch Narben zu sehen, und auf einem Gebäudewand waren große Worte besonders einprägsam geschrieben: „The human spirit is not measured by the size of the act but by the size of the heart.“ (Übersetzung: Der menschliche Geist sollte nicht an den Taten eines Menschen, sondern an seiner Herzensgröße gemessen werden.) An der Wand waren verschiedene Dinge angebracht – Briefe auf der Suche nach Vermissten, T-Shirts mit Namen – alles war mit dem tiefsten Gefühl der Familien erfüllt. Während ich diese andächtig betrachtete, war es allmählich dunkel geworden, also machte ich mich auf den Weg zurück zum Hotel.

New York, Manhattan, World Trade Center-Gelände. Am 11. September 2001 wurde es von einem Terroranschlag heimgesucht und forderte über 3000 Opfer. Notizen zur Suche nach Familienmitgliedern waren grell an der Wand angebracht.

Unterwegs durch das Amischen-Land

 Am 25. September begann schließlich die letzte Etappe meiner Fahrt quer durch Nordamerika. Ich fuhr auf der Route 80 immer weiter nach Westen. Nach etwa 50 Meilen (etwa 80 km) Fahrt durch New Jersey erreichte ich Pennsylvania. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Highway beträgt 65 Meilen pro Stunde (etwa 104 km/h), aber der tatsächliche Verkehrsfluss lag bei 70–75 Meilen pro Stunde (112–120 km/h). Die Mittelschutzplanke war breit und die grünen Streifen auf beiden Seiten waren großzügig angelegt, sodass das Fahrtempo nicht so spürbar war. Die meisten Lastwagen waren große Sattelzüge mit etwa 25 Metern Länge, die sich in den Verkehrsfluss einfügten, aber einige überholten andere Fahrzeuge mit über 75 Meilen pro Stunde (120 km/h), was mich sehr überraschte. Auf der deutschen Autobahn sind Lastwagen auf 100 km/h begrenzt und fahren ausnahmslos ruhig in einer Reihe auf der rechten Spur.

 Nach der Überquerung der Appalachen führte die Straße in das amerikanische Kornland. Endlose Felder mit Mais und Sojabohnen erstreckten sich vor mir. Nachdem ich Ohio erreicht hatte, verließ ich die Highway und fuhr auf Landstraßen. Ich wollte erfahren, wie die Amischen heute leben, also besuchte ich eine Region, in der viele von ihnen ansässig sind. Die Amischen sind eine Glaubensgemeinschaft, die seit langem in dieser Gegend lebt – sie fahren noch immer Kutschen statt moderner Fahrzeuge, bearbeiten ihre Felder mit Pflug und Pferdearbeit statt großer Landmaschinen und verwenden keinen Strom. Sie führen ein Leben im Einklang mit der Natur. Vor 37 Jahren, als ich diese Gegend durchfuhr, fiel mir ihre Lebensweise auf. Es schien mir, als würden die Einheimischen sie als Exzentriker behandeln. Ich machte mir Sorgen, dass Menschen, die das natürlichste Leben führten, das ich kenne, verdrängt werden könnten.

 Auf einer Landstraße durch die Maisfelder kam ich zu einem kleinen Dorf. Beim Supermarkt waren etwa 10 Meter lange Baumstämme aufgelegt, an denen mehrere Kutschen abgestellt werden konnten – schwarze amische Kutschen standen dort. Während ich zuschaute, kam noch eine schwarze Kutsche mit einer Familie an. Als ich die Kamera hochhob, lächelte das Kind und winkte mir zu, und auch der Vater nickte freundlich. Danach kam eine Frau in mittelalterlicher Kleidung mit ihrer Kutsche vorbei. Als ich mir die anderen Geschäfte im Dorf anschaute, stellte ich fest, dass viele von ihnen – die Post und andere Läden – Pfosten zum Anbinden von Pferden hatten, damit die Amischen ihre Kutschen sicher abstellen konnten. An einer Kreuzung im Ort stand eine Kutsche an einer roten Ampel, und ein großer Sattelzug fuhr langsam über die Kreuzung, als würde der Fahrer die Pferde schonen. Im Vergleich zu früher hatte sich die Zahl der Amischen erhöht, und sie schienen gut mit den Einwohnern zusammenzuleben. Die Art, wie die Einwohner auf die Amischen blickten, die die Natur schätzten, hatte sich verändert. Ein beruhigendes Gefühl.

Amische in Pennsylvania und Ohio. Eine Religionsgruppe, die kein Auto benutzt und noch immer Kutschen als tägliches Transportmittel nutzt, die Felder mit Pflug und Spaten statt mit Traktoren bearbeitet. Menschen in Amerika, die ein naturschonendes Leben führen. Vor 37 Jahren wurden sie von der Allgemeinheit als Exzentriker behandelt, aber heute werden sie geschätzt, ihre Zahl hat zugenommen, und es heißt, es gebe mehrere zehntausend von ihnen.

Von Amerika nach Kanada

 Mit warmem Gefühl fuhr ich weiter. Ich durchquerte Ohio, Indiana und Illinois und gelangte nach Milwaukee in Wisconsin.

 Milwaukee ist bekannt für Bier und Harley-Davidson (im Folgenden H-D). H-D ist derzeit der lebhafteste Motorradhersteller der Welt. Vor 25 Jahren, als ich als entsandter Mitarbeiter von Yamaha Motor in Los Angeles war, stand H-D kurz vor dem Bankrott. 25 Jahre später hätte wohl kaum jemand in Amerika die heutige Situation von H-D vorhersagen können.

 Als ich mich der Stadt näherte, sah ich H-D-Motorräder auf der Highway, aber die Fahrer trugen keine Helme. Sie hielten ihre Haare mit einem Bandana fest, trugen eine Leder-Schiebermütze oder ließen die Haare einfach im Wind flattern. Da die Verkehrsregeln in den USA von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich sind, gibt es Bundesstaaten, in denen das Fahren ohne Helm illegal ist, und andere, in denen es nur empfohlen wird. Es ist zwar sicher, einen Helm zu tragen, aber Amerika zieht es vor, nicht bundesweit einheitlich zu entscheiden, dass es überall illegal sein muss.

 Von Milwaukee führte mein Weg durch Minnesota und North Dakota, und am 2. Oktober erreichte ich Winnipeg in Kanada. Ich war im Frühsommer aus Japan abgefahren, aber der Sommer war längst vorbei und es war Herbst geworden. In Kanada auf dem 50. Breitengrad wurden die Nächte bereits unter den Gefrierpunkt kalt. Auf den Feldern waren Mais, Sojabohnen, Sonnenblumenkerne und Heuernte zum größten Teil bereits eingebracht, und nur an wenigen verbleibenden Stellen waren große Traktoren noch am Ernten.

In Minneapolis traf ich Gordie Metz wieder, mit dem ich während meiner Zeit als entsandter Mitarbeiter zusammengearbeitet hatte – nach 12 Jahren Abwesenheit. Er war schon immer ein großer Motorradfan, der mit dem Motorrad zur Arbeit fuhr, und es freut mich, dass er auch heute noch einen Roadster als sein tägliches Transportmittel nutzt.

Ein kanadischer Freund, der bis zum 87. Lebensjahr Motorrad fuhr

 Der Grund für die Fahrt nach Kanada war, das Grab meines Freundes Walt Healey in Calgary zu besuchen. Wir waren seit meiner vorherigen Weltreise befreundet, und damals betrieb er einen kleinen Motorradladen, in dem er Yamaha und Indian verkaufte. Später entwickelte sich sein Geschäft zum größten Yamaha-Händler in Kanada, und er leistete nicht nur durch den Verkauf von Motorrädern, sondern auch durch großen Einsatz bei der Förderung von Jugendlichen in ganz Kanada einen bedeutenden Beitrag zur Gesellschaft. Leider war er im Januar 2002 im Alter von 88 Jahren verstorben. Obwohl zwischen uns 28 Jahre Altersunterschied lagen, teilten wir die Liebe zum Motorrad und pflegten sogar familiäre Kontakte. Wenn diese Reise nur ein Jahr früher stattgefunden hätte, hätte ich ihn noch bei guter Gesundheit sehen können – diesen Gedanken kann ich nicht loswerden.

Juni 1990: Abschied von Walt Healey am Flughafen Los Angeles, bevor er zu seiner Motorradreise rund um Australien aufbricht

 Im frühen Winter fahre ich auf dem Trans-Kanada-Highway immer nach Westen. Seit der Einreise nach Kanada ist das Wetter nicht günstig. Der kalte Regen verwandelt sich bald in Schnee. Es ist das erste Mal auf dieser Reise, dass ich Schnee sehe. Ich erinnere mich, dass ich vor 37 Jahren auf dieser gleichen Straße zur gleichen Jahreszeit in die entgegengesetzte Richtung fuhr und ebenfalls auf kalten Schnee traf.

 Entlang der Route verläuft die transkontinentale Canadian Pacific Railway. Ich sehe hin und wieder Güterzüge, aber diese werden von Diesellokomotiven gezogen. Im Vergleich dazu ist die vollständige Elektrifizierung aller Strecken in Russland beeindruckend.

 Am 5. Oktober besuchte ich das Motorradgeschäft „Walt Healey Yamaha“ in Calgary. Schon seit über zehn Jahren führt Walts Sohn Terry das Geschäft. Da ich ihn vorher benachrichtigt hatte, empfing mich Terry sehr freundlich. Während er mir von Walts Todestag erzählte, wurden seine Augen rot und er bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten. Am Morgen verließ Walt voller Energie das Haus, um an einer Konferenz in Calgary teilzunehmen, und als er sich nach Ende der Veranstaltung von seinem Platz erhob, brach er plötzlich zusammen und kam nicht wieder nach Hause.

In Calgary, Kanada, besuchte ich Terry Healey, den Sohn meines Freundes Walt Healey. Er hatte das Geschäft seines Vaters übernommen, doch führte es zusammen mit einem Geschäftspartner

 Bis zum Jahr vor seinem Tod fuhr Walt noch Seitenwagen. Er war ein Mensch, der das Fahren von Motorrädern wirklich liebte. Als ich in Los Angeles wohnte, besuchte mich Walt mehrmals mit seinem Seitenwagen. Nachdem er älter geworden war und das Geschäft an seinen Sohn Terry übergeben hatte, unternahm er mit seiner Ehefrau im Seitenwagen Reisen überall in Kanada und in die USA. Er fuhr auch ins Ausland, nach Baja California in Mexiko und sogar bis Australien, um Motorräder zu genießen. In Kanada trug er aktiv zur Gesellschaft bei, indem er Motorradrennen zur Förderung der Jugendlichen veranstaltete und mit staatlicher Genehmigung Mechanikerausbildungen anbot. Er war ein großartiger Mensch. Der Seitenwagen, auf dem er bis zum Alter von 87 Jahren fuhr, wurde einer lokalen High School als Unterrichtsmaterial gestiftet, und mit einem Teil seines Vermögens wurde das Walt Healey Scholarship eingerichtet.

Der Roadster-Seitenwagen, den Walt Healey bis 2001 liebte. Er wurde als Unterrichtsmaterial an eine lokale High School gespendet

 Zusammen mit Terry besuchte ich Walts Grab, verbeugte mich tief und betete für seinen Frieden. Terry überreichte mir dann eine Uhr mit der Aufschrift „Walt Healy“, die Walt mir vor seinem Tod hätte geben wollen, und sagte: „Vielen Dank, dass Sie wirklich gekommen bist.“ Auch ich dachte von ganzem Herzen, dass es gut war, hergekommen zu sein.

Im frühen Winter über die Rocky Mountains fahren und dann durch die Gluthitze der Wüste

 Ich musste entscheiden, ob ich von Calgary aus nach Westen fahren und die kanadischen Rocky Mountains überqueren sollte, oder ob ich nach Süden fahren sollte, um über Montanas und Spokane nach Seattle zu gelangen. Bei ungünstigen Wetterverhältnissen könnte Schneefall die Weiterfahrt unmöglich machen. Sowieso musste ich irgendwo die Rocky Mountains überqueren. Seit meiner Einreise nach Kanada beobachtete ich täglich die Wettervorhersage. Die Vorhersage von heute Morgen zeigte, dass sich die Kaltfront in den nächsten zwei bis drei Tagen lockern würde. Also beschloss ich, nach Westen zu fahren und die Rocky Mountains zu überqueren, bevor die Kaltfront käme. Als ich in den Banff-Nationalpark einfuhr, war ich von schneebedeckten Rocky-Bergen umgeben. Nach dem Durchfahren des Lake Louise suchte ich noch bei Tageslicht in Golden eine Unterkunft für die Nacht. Nach Einbruch der Dunkelheit fällt die Temperatur und die Fahrbahn kann vereisen. Eine vereiste Fahrbahn in gewundenen Bergstraßen ist äußerst gefährlich.

 Am nächsten Tag, auf dem Weg nach Vancouver, lag der Glacier-Nationalpark, ein weiterer Bergpass. Nach einer Weile Fahrt entlang des Columbia River von Golden aus ging es bergauf. Kaum tauchten Wolken auf, als es auch schon zu schneien begann. Zum Glück schmilzt der Schnee auf der Fahrbahn, aber die Straße bleibt rutschig. Die Touristensaison ist längst vorbei, und der Verkehr ist gering. Mit äußerster Vorsicht, um nicht auszurutschen und zu stürzen, fuhr ich weiter. Am 7. Oktober überquerte ich erfolgreich die kanadischen Rocky Mountains und kam über Vancouver im Bundesstaat Washington in Bellingham an.

Von Calgary über die kanadischen Rocky Mountains. Ich überquerte zwei Hochgebiete – den Banff-Nationalpark und den Glacier-Nationalpark – und die umliegenden Berge waren bereits mit Schnee bedeckt
Etwa 100 km von Vancouver entfernt, nachdem ich die kanadischen Rocky Mountains überwunden hatte. Hier liegt die erste Mautstraße in Nordamerika. Laut Mautgebührenplan zahlt man für Motorräder die Hälfte des Automobil-Tarifs – Japan sollte sich das zum Vorbild nehmen

 Von Seattle nach Portland ist die Tagestemperatur wieder auf über 30 Grad angewachsen. Ich hätte die Küste entlangfahren können, um über San Francisco nach Los Angeles zu gelangen, aber ich beschloss, von Redding aus über Chico nach Nevada zu fahren und dann nach Las Vegas. Die lange, wenig befahrene Wüstenstraße, die sich über Nevada und Kalifornien erstreckt, ist unvergleichlich, um auf einem großen Cruiser wie der Royal Star das wahre Abenteuer Amerikas zu spüren. Das ist das Gegenteil davon, auf Straßen durch die sibirischen Sümpfe und der endlosen Taiga zu fahren.

In der Wüste von Nevada. Von Sacramento über Reno in Nevada nach Las Vegas. Trotz Oktober lagen die Tagestemperaturen über 30°C

Das Ende der Reise

 Ich wollte unbedingt die „Art of Motorcycle“-Ausstellung im Guggenheim Hermitage Museum im neuesten Luxushotel „Venetian“ in Las Vegas sehen, daher besuchte ich es. Aus der 130-jährigen Motorradgeschichte wurden 100 Modelle ausgewählt, die es verdienen, als Kunstwerk betrachtet zu werden. Diese echten Motorräder wurden aus der ganzen Welt zusammengetragen und künstlerisch präsentiert. Die erste Ausstellung fand vor etwa drei Jahren in New York statt, danach wanderte sie durch Europa und kam nach Las Vegas. Es ist bereits bahnbrechend, Motorräder als künstlerisches Material zu betrachten. Jedes einzelne Ausstellungsstück war ein Motorrad, das ich unbedingt besitzen und fahren wollte. Diese Veranstaltung endet Mitte Januar 2003, und die ausgestellten Fahrzeuge werden an ihre Besitzer zurückgegeben. Es ist eine große Aufgabe, so viele seltene Motorräder zusammenzubringen, und ob so etwas jemals wieder möglich sein wird, ist fraglich. Dies war ein außergewöhnlich wertvolles Event.

 Nach dem Genuss der Art of Motorcycle fuhr ich in Richtung Los Angeles, meinen letzten ausländischen Bestimmungsort dieser Reise. Von Las Vegas nach Los Angeles führt eine Strecke, die ich gut kenne und liebe. Ich fuhr durch die Wüste auf einer einsamen Straße, vorbei an dem Geisterort Calico und Barstow nach Westen, und kam am 15. Oktober wohlbehalten in Los Angeles an.

 In Los Angeles wurde Shigeru Yoshida bei YMUS (Yamaha Motor USA) herzlich empfangen. Das Wiedersehen mit vertrauten Gesichtern tat gut, und so endete die Reise beruhigt. Über vier Monate hinweg legte er mehr als 29.000 km zurück. Er traf viele verschiedene Menschen und besuchte zahlreiche Museen. Besonders Russland bescherte ihm täglich neue Entdeckungen, sodass sich diese vier Monate wie mehr als ein Jahr anfühlten. Es war die richtige Entscheidung gewesen, Japan als Lebenszäsur so mutig zu verlassen.

In Cypress in der Nähe von Los Angeles wurde Shigeru Yoshida von ehemaligen Kollegen bei Yamaha Motor USA empfangen. Vertraute, vertraute Gesichter.

 Danach wurde die Royal Star von Los Angeles aus auf einem Frachtschiff verladen und am 18. November im Hafen von Toyohashi in der Präfektur Aichi gelöscht. Shigeru Yoshida reiste per Flugzeug voraus zu seiner Familie nach Hamamatsu.

Zwei Räder retten die Erde

 Shigeru Yoshida wird oft gefragt, was sich am meisten verändert hat, seit er vor 37 Jahren mit der YDS-Ⅲ in östlicher Richtung eine Weltreise unternahm. Die Zahl der Autos ist enorm gestiegen, und die Straßen sind deutlich besser geworden – das stimmt. Aber die größte Veränderung, antwortet er, ist, dass die Erde schmutzig geworden ist. Überall, wo Menschen leben – auf Straßen und in Meeren – liegt Müll. Große Städte sind von Smog bedeckt; wenn man eine Großstadt anfährt, fährt man förmlich in einen grauen Smog ein. Selbst wenn der Wind weht, zerstreut sich der Smog, aber er verschwindet nicht. Und Sauerstoff ist nicht unendlich vorhanden. Diese Erkenntnis versetzte Shigeru Yoshida in solche Sorge, dass er sich vorstellen konnte, die Menschheit könnte eines Tages Sauerstoffflaschen brauchen, um auf der Erde zu leben.

 In diesem Zusammenhang ist die Rolle von Zweirädern wie Fahrrädern und Motorrädern groß. Europäische Länder bemühen sich aktiv darum, Zweiräder zu verbreiten. Es gibt spezielle Spuren auf den Straßen, damit Fahrräder und Mopeds leicht fahren können, und die Menschen schauen Motorradfahrern wohlwollend nach. Als Shigeru Yoshida mit der Royal Star im Stau einer Stadt unterwegs war, gaben viele Autofahrer an den Ampeln Platz.

 Etwa 70 Prozent der weltweit fahrenden Pkw werden von nur einer Person gefahren. Wenn 15 Prozent dieser Menschen auf Zweiräder wie Fahrräder oder Motorräder umsteigen würden, könnte der weltweite Verkehrsstau gelöst und die Luftverschmutzung verbessert werden. Angesichts des schnellen Bevölkerungswachstums ist es verständlich, dass jeder wohlhabend sein möchte. Doch dann werden Verkehrsstau, Umweltverschmutzung und Luftverschmutzung weltweit nur noch schlimmer. Die aktive Nutzung von Zweirädern, die energiesparend und ressourcenschonend sind und große Beweglichkeit bieten, könnte doch der Schlüssel sein, um die Erde zu retten.

(Ende)

Sicheres Ankommen am Yamaha Communication Plaza. Am 18. November wurde die Royal Star im Hafen von Toyohashi gelöscht, nach der Zollabfertigung wurde sie auf dem Landweg nach Iwata gefahren, wo Shigeru Yoshida bei Yamaha Motor von vielen Menschen herzlich empfangen wurde und seine Reise endete.
Quelle

Bessatsu Motorcycle 2004, Januar bis Mai
Yaeisuusha Co., Ltd.

Dieser Artikel wird von Good Loop Co., Ltd. mit Genehmigung des Urheberrechtsinhabers Shigeru Yoshida und des Verlagsrechtsinhabers Yaeisuusha Co., Ltd. veröffentlicht. Unerlaubtes Nachdrucken und Vervielfältigung sind verboten.